Markus Dröge, evangelischer Bischof von Berlin/Quelle: Evangelische Kirche

“Zum Glauben gehören Zweifel”

Gepostet am 17.06.2017 um 19:00 Uhr

Die ARD-Themenwoche “Woran glaubst du?” stellt das Thema Glauben in den Mittelpunkt. Wir haben bei den beiden Berliner Bischöfen sowie den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden und der Muslime nachgefragt. Heute im Interview: Markus Dröge, Bischof der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg.

Markus Dröge wurde 1954 in Washington D.C. geboren. Er wuchs in Washington, Bonn, Paris und Brüssel auf. Seit 2009 ist er Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

 

Woran glauben Sie, Herr Bischof ?

Als Christ glaube ich, dass mein Leben von Gott gewollt, geliebt und anerkannt ist. Jesus Christus hat mir gezeigt, wie ein sinnvolles Leben aussehen kann: Soweit es mir möglich ist, mich für Nächstenliebe einzusetzen, Frieden zu stiften, mich für andere Menschen sowie für Versöhnung und Gerechtigkeit einzusetzen.  Als Christ habe ich bestimmte Vorstellungen, die ihn aber nie ganz greifen können:  Sie machen sich fest an Bildern aus der Bibel, die immer etwas über Vertrauen sagen.  Es sind immer Bilder von Gott als Vater, Hirte aber auch von Gott als Mutter. Wenn ich die Augen schließe und bete, dann spreche ich zu jemandem, dem ich voll vertrauen kann.

Warum ist der Glaube auch heute noch wichtig?

Wir leben in einer Zeit, in der die Würde des Menschen bedroht ist – durch Krieg, Terror, Armut. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Der Glaube gibt mir nicht nur Orientierung. Er macht auch Mut, die Probleme als Herausforderung zu sehen, und mit Gottes Hilfe anzugehen. Gott ist eine große Versöhnungskraft.

Haben Sie selbst schon an Gott gezweifelt oder sind vom Glauben abgefallen?

Der Glaube ist ja etwas Lebendiges, da gehören Zweifel dazu! Das ist wie in einer Beziehung, da muss ich mich auch immer wieder neu um Vertrauen und Liebe bemühen.  Nach der Phase des Kinderglaubens habe ich als Jugendlicher nicht mehr viel mit dem Glauben anfangen können. Erst über Dietrich Bonhoeffer – als Vorbild eines exzellenten Theologen  – habe ich später wieder angefangen, über den Glauben nachzudenken. Wenn ich die Welt anschaue mit Krieg, Terror und Lügen, dann muss ich sogar zweifeln. Nicht an Gott, aber daran, dass wir Menschen weiterkommen, wenn ich sehe,  wie die Religion dazu missbraucht wird, Macht durchzusetzen und Gewalt zu legitimieren. Aber dafür ist sie nicht gemacht, das ist eine verkehrte Welt.

Mit Blick auf die Bundestagswahl im September – was braucht es aus Ihrer Sicht: Mehr Zusammenarbeit von Politik und Konfessionen oder mehr Trennung von Kirche und Staat?

In Deutschland haben wir schreckliche Erfahrungen mit Diktaturen gemacht, die den Glauben unterdrückt haben. Aus diesen Erfahrungen ist aber ein sehr gutes Religionsrecht für Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften entstanden. Es gibt eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat in Deutschland, aber eine gut geregelte Zusammenarbeit in allen wichtigen Bereichen wie Bildung, Kultur und Soziales. Damit können wir als Kirche zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen und Werte einbringen. In anderen Staaten – wie zum Beispiel den USA – läuft man mit der strikten Trennung von Staat und Kirche Gefahr, dass der Glaube sektiererisch wird. Problematisch ist es auch, wenn eine Religion Staatsreligion ist.

Bei uns gibt es die klare Trennung, aber eine geregelte Zusammenarbeit. Das ist wichtig in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt wahrlich nicht mehr selbstverständlich ist. Alle die meinen, dieses System müsse geändert werden, wissen nicht, was sie damit aufs Spiel setzen. Auch der Islam muss bei uns mit in dieses System hineinwachsen. Wir Kirchen unterstützen das ausdrücklich.

 

Zuletzt aktualisiert: 24.11.2017, 12:03:26