Ärzte fordern Zuckersteuer

Gepostet am 02.05.2018 um 15:25 Uhr

Sondersteuern, bessere Kennzeichnung, Einschränkungen bei der auf Kinder zielenden Werbung: Ärzte verlangen von der Bundesregierung, gegen Lebensmittel mit hohem Zuckeranteil vorzugehen. Von Jörg Seisselberg.

Sondersteuern, bessere Kennzeichnung, Einschränkungen bei der auf Kinder zielenden Werbung: Ärzte verlangen von der Bundesregierung, gegen Lebensmittel mit hohem Zuckeranteil vorzugehen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Es reicht, sagen mehr als 2000 Ärzte: Im Kampf gegen die Folgen des Zuckerkonsums müsse die Bundesregierung endlich handeln. Einer von ihnen ist Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen, der im Rahmen der Aktion „Ärzte gegen Fehlernährung“ in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel Maßnahmen fordert, um vor allem Kinder vor zu viel Zuckerkonsum zu schützen:

„Mich wundert, dass wir in Deutschland einen Eiertanz machen, während es bei anderen Stoffen klar ist. Und Zucker hat Suchtpotential. Das Verbot von Rauchen in Kneipen hat dazu geführt, dass viel weniger Herzinfarkte passieren, dass weniger Leute passiv rauchen. Und was gab es da vorher für ein Geschiss, dass die Welt untergeht und die freie Marktwirtschaft bedroht ist und alle Kneipen zumachen – es ist nichts davon eingetreten.“

Anteil fettleibiger Kinder verdoppelt

Fast jedes sechste Kind in Deutschland, etwa 15 Prozent, sind übergewichtig. Die Zahl hat seit den 1990er-Jahren um 50 Prozent zugenommen, der Anteil krankhaft fettleibiger Kinder hat sich die Zahl sogar verdoppelt. Die Folge sind unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rücken- und Gelenkprobleme, aber auch soziale Isolierung.

Als Hauptschuldige des Problems gelten zuckerhaltige Limonaden und Snacks. Zucker, warnt Thomas Fischbach vom Berufsverband Kinder- und Jugendärzte, besitze hohes Suchtpotential, das merke er täglich in seiner Praxis: „Warum mögen Kinder so gerne Süßes? Weil sie an den süßen Geschmack sehr früh gewöhnt werden. Wenn mir Eltern sagen, mein Kind trinkt kein Wasser, und ich frage mal nach und erfahre, dass das Kind halt immer süße Sachen zu trinken kriegt – ja, dann findet es natürlich Wasser langweilig. Das heißt, da findet auch Prägung statt.“

Gegen die Zuckergefahr schlägt das Bündnis „Ärzte gegen Fehlernährung“ vier konkrete Maßnahmen vor. Deutschland brauche eine Steuer auf zuckerhaltige Limonaden und andere Getränke. Lebensmittel müssten mit einer Nährwert-Ampel gekennzeichnet werden, damit Verbraucher auf einen Blick erkennen können, was gesund ist und was nicht.

Besseres Essen auch in Kitas

Für Essen in Kitas und Schulen sollen Mindeststands für gesundes, zuckerarmes Essen gesetzlich vorgeschrieben werden. Und, so Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, auch bei der TV-Werbung müsse die Bundesregierung aktiv werden: „Verboten gehört Werbung für Kinder mit gezielten Nachrichten, die sagen: Das ist gesund, wenn du deinem Kind diese Schnitte oder diesen Bonbon gibst, wobei wir alle wissen, dass da jede Menge Zucker drin ist“.

Die Aktion „Ärzte gegen Fehlernährung“ unterstützen diverse Ärzteorganisationen, Krankenkassen und die Verbraucherorganisation Foodwatch. In Deutschland sind heute rund zwei Drittel aller Männer (67 Prozent) und mehr als die  Hälfte der Frauen (53 Prozent) übergewichtig.

Studie: Übergewicht kostet 63 Milliarden Euro pro Jahr

Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts verursacht das Problem Übergewicht, Fachbegriff Adipositas, hierzulande jährlich Kosten von rund 63 Milliarden Euro. Eine gewaltige Summe, sagt Oliver Huizinga von Foodwatch: „Wenn Sie sich erinnern an die Debatten über die Schuldenkrise, da waren ähnliche Zahlen im Raum. Da hatte man das Gefühl, der halbe Kontinent bricht auseinander – über die Folgen von Adipositas wird, glaube ich, noch nicht im gleichen Maße diskutiert. Das sollten wir ändern“.

Die Bundespolitik setzt bislang im Kampf gegen die schädlichen Folgen von Zucker auf Selbstverpflichtungen der Industrie. Erst vergangene Woche hatte Ernährungsministerin Julia Klöckner die Einführung einer Zuckersteuer nach britischem Vorbild abgelehnt.

Ärzte, Krankenkassen, Foodwatch fordern von Merkel harte Hand gegen Zucker
Jörg Seisselberg, ARD Berlin
14:23:00 Uhr, 02.05.2018

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2020, 11:49:14