Ausgerechnet Zetsche

Gepostet am 09.10.2016 um 02:04 Uhr

Wie wirtschaftsfreundlich wollen die Grünen sein? Einen Monat vor dem Bundesparteitag streitet die Partei über den wohl prominentesten Gastredner: Daimler-Chef Zetsche, der über Klima- und Verkehrspolitik sprechen wird. Im Zentrum der Kritik: Parteichef Özdemir. Der hatte Zetsche eingeladen. Von Matthias Deiß.

Wie wirtschaftsfreundlich wollen die Grünen sein? Einen Monat vor dem Bundesparteitag streitet die Partei über den wohl prominentesten Gastredner: Daimler-Chef Dieter Zetsche, der über Klima- und Verkehrspolitik sprechen wird. Im Zentrum der Kritik: Parteichef Özdemir. Der hatte Zetsche eingeladen.

Von Matthias Deiß, ARD-Hauptstadtstudio

Dass Winfried Kretschmann in seinem offiziellen Wahlkampfspot aus einer PS-starken Luxuslimousine mit einem Stern auf der Motorhaube stieg, hat viele Grüne auf die Palme gebracht. Nicht so allerdings Cem Özdemir. Der Bundesvorsitzende findet, dass sich seine Grünen ein Beispiel am erfolgreichen Wahlkampf in Baden-Württemberg nehmen sollten, getreu dem Motto: Von Kretschmann lernen, heißt siegen lernen. Und Kretschmanns pragmatischer Umgang mit den Konzernen gehört da natürlich dazu.

Die Parteilinke ist sauer

Das Thema Wirtschaft ist eines von den Grünen benannten Hauptthemen in diesem Jahr. Immer wieder hat Özdemir in den letzten Monaten betont: Er wolle eine Partei, die nicht über die Industrie redet, sondern mit ihr. Jetzt lässt er seinen Worten Taten folgen, lädt Daimler-Chef Dieter Zetsche als Gastredner für den Bundesparteitag in Münster ein – und sorgt damit für erheblichen Ärger an der Basis und im linken Flügel der Partei.

“Wer lässt sich das einfallen?”, fragt Silke Gajek, Spitzenkandidatin der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern und ehemalige stellvertretende Landtagspräsidentin bei Facebook: Es sei “ein Problem, dass hier offenbar ein Signal der Annäherung gesendet werden solle”, findet auch Erik Marquardt, der im Parteirat sitzt. Er schimpft: “Es hat gute Gründe, dass wir eigentlich eher selten die Verursacher von Problemen zu Wort kommen lassen.”

Parteiintern gilt Daimler mit einer Modellpallette, die noch stärker auf leistungsstarke Verbrennungsmotoren als auf Elektromobilität setzt, als erbitterter Gegner. “Unsere Gastredner sollen Impulse in die richtige Richtung setzen”, meldet sich deshalb Katrin Schmidberger, die für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, über Facebook zu Wort. Daimler sei der letzte Konzern, bei dem man an ökologische Innovationen denke, heißt es außerdem aus dem Büro von Ex-Parteichefin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Dort verweist man außerdem auf die Waffenlieferungen des Daimler-Konzerns.

“Alberne Diskussion”

Unterstützung erhält Özdemir dagegen vom wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen, Dieter Janecek. Er meint: “Alberne Diskussion. Gut, dass Zetsche kommt. Das wird spannend.” Und Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag uns ausgewiesener Verkehrsexperte, hatte Daimler Anfang des Jahres im Zuge des Abgasskandals zu einem Fachgespräch in den Bundestag eingeladen. Vergeblich. Hofreiter tritt bei der Urwahl zum Grünen-Spitzenkandidaten gegen Özdemir an, äußerte sich dieses Wochenende aber nicht. Co-Chefin Simone Peter, die Özdemirs pragmatischen Wirtschaftskurs eher kritisch gegenüber steht, hat die Einladung Zetsches gemeinsam mit dem Bundesvorstand abgenickt: “Wir erwarten tolle GastrednerInnen”, schreibt sie über Twitter. Dieter Zetsche steht in der dann folgenden Aufzählung allerdings an letzter Stelle.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2018, 20:07:43