Wie sinnvoll sind Zahnspangen?

Gepostet am 03.01.2019 um 16:09 Uhr

In Deutschland erhält rund jeder zweite Jugendliche eine kieferorthopädische Behandlung – ob das nötig ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Das Gesundheitsministerium sieht noch Forschungsbedarf. Von Martin Mair.

In Deutschland erhält rund jeder zweite Jugendliche eine kieferorthopädische Behandlung – ob das nötig ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Das Gesundheitsministerium sieht noch Forschungsbedarf.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Ein schiefer Schneidezahn, eine große Zahnlücke – der Besuch beim Kieferorthopäden gehört für viele Jugendliche zum lästigen Pflichtprogramm. Jeder zweite trägt in Deutschland eine Zahnspange. Doch ob das immer medizinisch wirklich nötig ist, bleibt unklar.

Das Berliner IGES-Institut hat jetzt im Auftrag des Gesundheitsministeriums vorhandene Studien ausgewertet. Die Autoren schreiben, dass verlässliche wissenschaftliche Daten fehlen: „Es lässt sich keine abschließende Einschätzung vornehmen, ob und welche langfristigen Auswirkungen die angewendeten kieferorthopädischen Therapieregime auf die Mundgesundheit haben.“

Nicht jeden schiefen Zahn korrigieren

Beispiel: schiefer Zahn. Der lässt sich mit einer Spange gerade rücken – das aber ist zunächst ein kosmetischer Erfolg und für Betroffene oft auch ein Stückchen Lebensqualität. Ob es aber auch medizinisch etwas bringt sprich: der Zahn länger gesund bleibt und hält, dafür fehlen aussagekräftige Belege. Doch die sind eigentlich nötig, damit Krankenkassen eine Behandlung bezahlen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) selbst hält sich zurück. Es erklärt schriftlich:

„Prinzipiell bewertet den Nutzen einer Therapie nicht der Gesetzgeber, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss. Das BMG wird mit den beteiligten Organisationen den weiteren Forschungsbedarf und Handlungsempfehlungen erörtern.“

Sichere Erkenntnisse noch nicht absehbar

Doch das kann dauern – auch, weil der Behandlungserfolg beim Kieferorthopäden schwieriger wissenschaftlich zu belegen ist als etwa bei einem Knochenbruch. Gleichzeitig sind Zahnspangen ein lukratives Geschäft und für die Versicherten teuer. Allein die Krankenkassen geben pro Jahr eine Milliarde Euro für kieferorthopädische Leistungen aus. Zusätzlich stellt der Arzt vieles privat in Rechnung.

Trotzdem: Von Abzocke könne man nicht sprechen, warnt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen: „Kieferorthopädie ist sinnvoll. Das was medizinisch notwendig ist, muss auch gemacht werden. Der Arzt muss etwa entscheiden, ob eine Fehlstellung medizinische gravierend ist und es zum Beispiel zu Veränderungen beim Kauen, Schlucken oder Atmen kommt. Oder ist es reine Optik, bei der man dann sagt: Das ist Wunsch, aber nicht medizinisch notwendig.“

Im Zweifelsfall eine zweite Meinung

Für den Laien ist das eine schwierige Entscheidung. Und viele Eltern dürften sich fragen, ob der Nachwuchs eine Spange bekommt, die eigentlich überflüssig ist. Verbraucherschützer raten dazu, den Arzt kritisch zu befragen.

Und wer dann noch immer nicht überzeugt ist, kann sich eine zweite Meinungen einholen. Auch die Krankenkassen können beraten. Vielleicht lassen sich Zweifel so ausräumen – denn am Ende brauchen Versicherte vor allem Vertrauen zum behandelnden Kieferorthopäden.

Unnötige Zahnspangen? Studie kritisiert fehlende wissenschaftliche Daten
M. Mair, ARD Berlin
17:09:53 Uhr, 03.01.2019

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Januar 2019 um 14:09 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.09.2019, 14:38:34