Wir wissen bereits, wer die Bundestagswahl gewinnt – vielleicht

Gepostet am 04.05.2017 um 18:12 Uhr

Wahlprognosen sind wie Wettervorhersagen: Jeden interessiert’s, viele zweifeln sie an. Gesprächsthemen sind sie in jedem Fall. Wir haben uns angeschaut, wie Forscher versuchen, die Bundestagswahl vorherzusagen.

Die Veranstaltung ist zwar öffentlich, doch sie erweckt fast den Eindruck eines Geheimtreffens. Schließlich soll hier im Forum der Hertie School of Governance, etwas versteckt im ersten Stock eines wuchtigen Hauses in der Berliner Friedrichstraße, schon jetzt im Mai bekanntgegeben werden, was der Normalsterbliche erst am Abend des 24. Septembers erfährt: Wer die Bundestagswahlen gewinnt.

Wird Martin Schulz Bundeskanzler? Bleibt es bei einer Großen Koalition unter Führung von Angela Merkel? Kommen die Grünen überhaupt noch über die Fünf-Prozent-Hürde? Es gibt Wissenschaftler, die jetzt schon meinen, mit großer Wahrscheinlichkeit Antworten auf diese Fragen zu haben. Dementsprechend lautet der Titel der Veranstaltung auch “Jenseits der Glaskugel: Wissenschaftliche Vorhersagen zur Bundestagswahl 2017”. Keine Zauberei also, sondern ganz seriöse Auswertungen.

“Vorhersagen sind keine Umfragen”

Mark Kayser und Arndt Leininger von der Hertie School of Governance haben ein sogenanntes strukturelles Modell entwickelt, das anhand von den Ergebnissen aller Bundestagswahlen und Landtagswahlen seit 1949 eine präzise Voraussage möglich machen soll.

Bei der Präsentation der Zahlen legt Mark Kayser gleich zu Anfang auf einen wesentlichen Unterschied wert, der oft übersehen wird: “Vorhersagen sind keine Umfragen.” Umfragen, das seien Stimmungslagen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Vorhersagen können sich zwar auch aus den Daten der Umfragen bedienen, nutzen aber auch ganz andere Quellen. Bisherige Wahlergebnisse eben, aber auch Daten zur Wirtschaftslage.

Kayser und Leininger prognostizieren folgende Ergebnisse für die Bundestagswahl:

• CDU/CSU   34,8 %
• SPD              26,6 %
• Die Linke       9,3 %
• Grüne           10,6 %
• FDP                 8,1 %
• Sonstige        13,3 %

Die Schwäche des Modells, das gibt auch Leininger zu, lässt sich auf einen Blick erkennen: Die AfD kommt in dieser Prognose nicht vor. Der Grund: Für die Partei gibt es nicht genug Daten, weil sie erst seit kurzem eine Rolle spielt. Trotzdem, das zeigten auch die Prognosen für frühere Bundestagswahlen, seien die Ergebnisse mit einer Abweichung von rund zwei Prozent ziemlich wahrscheinlich.

Simon Munzert von der Humboldt-Universität Berlin präsentiert ein anderes Prognose-Modell, das er zusammen mit Kollegen von den Universitäten Mannheim und Zürich entwickelt hat. Darin fließen einerseits historische Daten ein: Ergebnisse und Umfragedaten von früheren Bundestagswahlen, aber auch zum Beispiel welche Partei den Kanzler gestellt hat.

“Schulz-Effekt” zieht nicht

Zusätzlich werden aber auch im Gegensatz zum Modell von Kayser und Leininger aktuelle Umfrageergebnisse miteinbezogen. “Ein hybrides Modell” nennt Munzert das. Das Modell wird laufend aktualisiert und auf der Seite zweitstimme.org präsentiert. Der Vorteil des Modells: Mit ihm kann auch der Anteil der AfD ermittelt werden, da auch aktuelle Zahlen miteinfließen.

• CDU/CSU   37,1 %
• SPD              27,5 %
• Die Linke       8,6 %
• Grüne              7,3 %
• FDP                 6,1 %
• AfD                  9,4 %

Bei beiden Modellen wird deutlich: Der sogenannte “Schulz-Effekt” der SPD scheint nicht zu ziehen. Die Union wird einen deutlichen Vorsprung bekommen, wäre aber höchstwahrscheinlich wieder auf eine Große Koalition angewiesen oder müsste eine Jamaika-Koalition wagen. Doch was ist eigentlich von solchen Vorhersagen zu halten?

Thorsten Faas, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Mainz, ist da sehr kritisch. Zwar lobt er die “beeindruckenden Prognosemodelle der Kollegen”. Doch aktuelle Fälle wie der US-Wahlausgang, der Brexit oder auch die Saarland-Wahl zeigten, dass es die Demoskopen momentan nicht mehr so leicht hätten wie früher. Gerade Umfragen seien eine Fehlerquelle, sagt der Wissenschaftler:

“Wenn Sie tausend deutsche Bundesbürger befragen, aber eigentlich etwas sagen wollen über 60 Millionen Wahlberechtigte, dann zahlen Sie einen Preis, den Preis der Unsicherheit Ihrer Berechnungen.”

Das läge nicht zuletzt daran, dass eine Umfrage auch immer eine bestimmte soziale Erwartung an den Befragten richten würde. Trump-Wähler, Brexit-Befürworter und auch AfD-Wähler würden ihre politische Überzeugung nicht immer zugeben, weil sie fürchteten, deswegen schief angesehen zu werden. Und viele würden zudem die Umfrageinstitute als Teil des Establishments ansehen, dem sie eh nicht mehr trauten. Die Folge: Entweder würden sie die Beteiligung an der Umfrage verweigern oder versuchen, die Umfrage mit falschen Angaben bewusst zu verfälschen.

Letztlich, resümiert Faas, kenne man doch erst nach der Wahl das Ergebnis. Zum Schluss bemüht er das alte Fußballsprichwort von Alfred Preißler: “Entscheidend ist auf’m Platz.”

Zuletzt aktualisiert: 26.09.2017, 02:17:48