Willkommen in Absurdistan: Juden in der AfD

Gepostet am 08.10.2018 um 13:17 Uhr

In der AfD gründet sich die Gruppe “Juden in der AfD”. Wie verträgt sich das mit antisemitischen Tendenzen in der Partei? Der Zusammenschluss ist Feigenblatt und Argument zugleich, kommentiert Kilian Pfeffer.

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken. So heißt ein Bild des Künstlers Martin Kippenberger aus dem Jahr 1984, es zeigt eine ungeordnete Anhäufung von Balken und Winkeln.

So ähnlich klingt der religionspolitische Sprecher der AfD im Bundestag Volker Münz, wenn er über die neue Gruppe „Juden in der AfD” spricht. Ein Widerspruch? Nicht doch. Münz sagt nämlich: Ich sehe keinen Antisemitismus in unserer Partei. Die Vorwürfe von siebzehn jüdischen Gruppen, die AfD sei antisemitisch und rassistisch, die seien durch nichts zu belegen, so Münz.

Willkommen in Absurdistan

Willkommen in Absurdistan. Als ob es die Aussagen von Björn Höcke zum Holocaust-Mahnmal oder den Vogelschiss-Vergleich von Alexander Gauland nie gegeben hätte. Als ob der notorische Antisemit Wolfgang Gedeon nicht seit Jahren sein Unwesen treiben dürfte, ohne aus der Partei geworfen zu werden. Gedeons Einfluss werde maßlos überschätzt, sagt Wolfgang Fuhl, einer der Mitinitiatoren der Gruppe. Höcke und Gaulands Aussagen? Ein sprachlicher Missgriff. Und die beiden hätten sich doch auch entschuldigt.

Wer ist Wolfgang Fuhl? Ein jüdisches AfD-Mitglied aus dem Wahlkreis Lörrach. Der über die Kirchenvertreter und die jüdischen Vertreter in einem Interview sagt, diese seien, Zitat, „längst vom Merkel-Regime instrumentalisiert und sängen das Hohe-Lied des Mammon-Gebers“. Nun ja.

Klassischer AfD-Sound

Warum diese Gruppe? In der Grundsatzerklärung heißt es: Auslöser sei die unkontrollierte Masseneinwanderung junger Männer aus dem islamischen Kulturkreis mit einer antisemitischen Sozialisation. Klassischer AfD-Sound. Diese Gefahr soll nicht kleingeredet werden. Aber: Werden antisemitische Straftaten hauptsächlich von eingewanderten Muslimen begangen?

Natürlich nicht. Aus der Statistik „politisch motivierte Kriminalität“ vom vergangenen Jahr geht hervor, dass 94% aller antisemitischen Straftaten von Tätern mit rechter Motivation begangen wurden. Die Statistik ist umstritten, zugegeben. Doch auch wenn der Anteil der muslimischen Täter zugenommen hat – die Taten der Rechten verschwinden ja nicht.

Feigenblatt und Argument

Warum diese Gruppe? Für die AfD ist sie Feigenblatt und Argument. Sie kann immer als Beleg dafür herangezogen werden, dass die Partei insgesamt doch wohl nicht antisemitisch sein kann. Denn es gibt ja schließlich diese Gruppe!

Die AfD nimmt immer wieder für sich in Anspruch, Volkspartei zu sein, auch Partei der Religionsfreiheit, wie Beatrix von Storch das gerade formuliert hat. Und auch für dieses Ziel ist eine Gruppe „Juden in der AfD“ zuträglich.

Nach Absurdistanlogik

Gegen eine Vereinigung „Muslime in der AfD“ hätte von Storch übrigens nichts. Auch wenn im Parteiprogramm steht: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Und: Die ständig wachsende Zahl von Muslimen sei eine große Gefahr.

Doch nach der Absurdistanlogik heißt es vielleicht schon bald vom religionspolitischen Sprecher: Ich kann beim besten Willen keine anti-islamischen Tendenzen in der AfD entdecken.

Zuletzt aktualisiert: 22.10.2018, 14:32:14