Will Spahn sich etwa zum Kanzler lindnern?

Gepostet am 01.11.2018 um 16:09 Uhr

Der CDU-Vorsitz scheint nicht genug: In einem Webvideo für seine Kandidatur geht Jens Spahn in die Vollen und greift tief in die Stilkiste von FDP-Chef Christian Lindner. Doch was will er eigentlich? Ein Kommentar von Marko Northe.

Treibende Percussions. Jens Spahns kreisende Hand. Berlin Mitte. Jens Spahns Brille. Das Brandenburger Tor. Jens Spahn vor einem Baukran. Sonnenschein, blauer Himmel. Dann die tiefe, durchdringende Stimme des Gesundheitsministers: „Die CDU ist das Herz unserer Demokratie. Wir haben zugelassen, dass dieses Herz an Kraft verliert.“

Währenddessen: Jens Spahn in der CDU-Zentrale vor den Kamerateams. In Versalien und gefettet werden die Worte „HERZ“, „DEMOKRATIE“, „KRAFT“ eingeblendet. Jens Spahn steigt in einen Fahrstuhl. Der fährt natürlich nach oben.
Spahn macht seinen Aufschlag, wie man in Berlin so gerne sagt, wenn jemand etwas werden möchte. Nachdem am gestrigen Tag Friedrich Merz seine Kandidatur für den Parteivorsitz der CDU offiziell in einer Pressekonferenz bekanntgegeben hat, zieht Spahn nun nach. Doch der Stil könnte nicht unterschiedlicher sein.

Merz hat mit dem Format Bundespressekonferenz ein klassisches Politikerformat gewählt – Jens Spahn, immerhin 25 Jahre jünger, wendet sich in einem Webvideo an seine knapp 120.000 Facebook-Fans. Selbst den klassischen Politik-Socialmediadienst Twitter lässt Spahn vorerst außen vor. Hier wendet sich jemand sozusagen direkt ans Volk. Eigentlich verfehlt das die Zielgruppe, geht es doch um den Parteivorsitz und nicht etwa um eine Bundestagswahl.

Nur woran erinnert den Zuschauer dieses Video? Spahn nachts auf dem Rücksitz einer Limousine, er starrt auf sein Mobiltelefon. Spahn geht schnellen Schrittes durch Berlin, zückt wieder sein Telefon. Nimmt seine Krawatte ab. Richtig: Die schnellen Schnitte, der Fokus auf die Person – das alles kennen wir aus dem Werbespot von Christian Lindner zur Bundestagswahl 2017.

Mitunter sehen die Schriften, Farben, Kameraeinstellungen zum Verwechseln ähnlich aus. Hier scheint jemand Lindner als Stilikone zu sehen. Oder die gleiche Werbeagentur zu haben. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht ist es aber auch das Baukastenprinzip, aus dem heutzutage nicht nur Wahlwerbespots, sondern auch Werbespots für Banken, Mobiltelefone und Versicherungen gemacht werden.

In einer Einstellung blickt Spahn etwas verträumt gen Himmel, über ihm liegt der Schriftzug „Ich bin sicher“. Es wirkt, als werbe hier jemand für eine private Altersvorsorge. Zum Schluss wird dann noch blinkend in immer größeren Lettern das Wort „Neustart“ sowie der obligatorische Hashtag #Spahn eingeblendet.

Inhaltlich hat man nicht viel Neues erfahren, nur dass Jens Spahn offensichtlich bereit ist. Doch für was? Dieses Video wirkt nicht wie eine Bewerbung für den Vorsitz einer Partei. Eher schon wie der Werbespot eines Kanzlerkandidaten. Scheint, als sei Spahn übers Ziel hinausgeschossen. Zu früh, zu viel.

Zuletzt aktualisiert: 15.11.2018, 15:33:35