Will die CDU die bessere SPD werden?

Gepostet am 11.02.2019 um 12:57 Uhr

Die CDU-Chefin bezeichnet ihre Mitglieder als Sozialdemokraten. Ein mutiger Satz, der vielleicht das eigentlich Gemeinte aus dem Unterbewusstsein ans Licht befördert, sinniert Horst Kläuser in seiner Glosse.

Das Narrativ hat sich bei Beobachtern der Bundespolitik längst als Modewort etabliert. Es bezeichnet, wenn man Wikipedia glauben mag, eine sinnstiftende Erzählung. Also, da geht es um etwas, was alle schon lange wissen, was Allgemeingut geworden ist, kurz: eine Geschichte, die nun mal so ist. Zum Narrativ der Gegner von Frau Merkel gehört zum Beispiel seit Jahren, dass sie die Sozialdemokratisierung der CDU nicht nur schweigend hingenommen, sondern durch ihre als zu links empfundene Politik sogar gefördert habe.

Das mag vor allem die konservative Seite der CDU gar nicht. Aber die Sozis finden das auch nicht toll. Sie argwöhnen, die Bundeskanzlerin habe bei etlichen Gesetzen das SPD-Copyright verletzt und mal eben die eigenen Ideen geklaut, und am Ende als CDU-Erfolg verkauft. So geht das Narrativ.

Angela Merkel war unlängst den Job als CDU-Chefin leid. Jetzt soll Frau Kramp-Karrenbauer das Ding aus dem Dreck ziehen. Dazu gehört, den Partner in der Groko mal zu zeigen, wer die politischen Hosen anhat. Sie macht aus der Vermutung bei Merkel endlich Gewissheit. Nicht irgendwo, nicht vor irgendwem, begrüßte sie am Sonntagabend ihre Parteigenossen, ähem, Parteifreunde mit diesem Satz „Ich freue mich insbesondere, dass wir dies nicht nur als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten heute Abend hier unter uns tun, sondern dass wir dies gemeinsam mit Freundinnen und Freunden der CSU tun.“ Das saß.

Zieht euch warm an!

Zweierlei fällt bei diesem mutigen Satz auf. Kein verhaspelter Auftritt, keine Zweifel, klare Standfestigkeit. Die Botschaft ist: zieht Euch warm an, am besten in Rot. Und sie klärt erneut den Unterschied zwischen CDU und CSU: hier die leicht sozialdemokratie-versifften CDU-Menschen, dort die bajuwarischen Grantler der CSU, die vor nicht allzu langer Zeit der Kanzlerin noch Rechtsbruch oder so was vorwarfen. Annette Kramp-Karrenbauer sagte das zur Eröffnung der Werkstattgespräche der Union. Werkstatt, da wird gehämmert und gehobelt – da fallen bekanntlich Späne. Apropos: Jens Spahn, lachte zum angeblichen Versprecher. Noch.

Wenn die CDU-Vorsitzende das so sagt, kamen vielleicht geheime Wünsche zum Vorschein. Wenn das ein Versprecher war, dann war es aber ein Freud’scher, einer, in dem der scheinbare Fehler das eigentlich Gemeinte ganz tief aus dem Unterbewusstsein ans Licht der Politik beförderte. Will die CDU die bessere SPD werden? Nur zu, sie muss nur ihre Wählerstimmen halbieren.

Zuletzt aktualisiert: 13.12.2019, 22:24:46