Wie war das nochmal mit den Umfragen?

Gepostet am 09.10.2018 um 15:04 Uhr

Am Sonntag wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt. Bis die ersten Prognosen um 18 Uhr vorliegen, schauen alle gespannt auf die Umfragen vor der Wahl. Aber haben diese Ergebnisse überhaupt Aussagewert?

Autorin: Anita Fünffinger

Wenn am Mittwochabend um halb Neun abends bei einem Durchschnittsdeutschen irgendwo in der Republik das Festnetztelefon klingelt, dann könnte es die Wahlforschung sein. Das Berliner Institut Infratest dimap erstellt die Sonntagsfrage: “Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?”

Festnetz? Abends? Zuhause? Ganz genau, sagt Wahlforscher Roberto Heinrich von infratest dimap. Das sei immer noch der beste Weg, um möglichst wenige Menschen von der Befragung auszuschließen: “90 Prozent der deutschen Haushalte haben noch einen Festnetztelefonanschluss, bei Online-Befragungen würden viel mehr Wahlberechtigte herausfallen, jeder fünfte Deutsche ist noch offline. Insbesondere viele ältere Wahlberechtigte würde man also über Online-Befragungen gar nicht erreichen.”

Und man hätte außerdem ein verzerrtes Bild: Denn gerade ältere Menschen gehen im Vergleich viel häufiger zur Wahl als Jüngere. Oft werden zur Sonntagsfrage noch tagesaktuelle Fragen gestellt. Sei es zur Flüchtlingspolitik, zu Nordkorea oder zum Datenschutz – die Fragen dürfen keine Tendenz vorgeben, und sie müssen ganz einfach formuliert sein: “Ich kann mich erinnern an eine Fragenidee, bei der es darum ging, die Einstellung zum Bundestrojaner zu messen. Was als Schlagwort für informierte Politikwissenschaftler und Journalisten sicherlich verständlich ist, aber für ein Normalpublikum nicht. Das heißt, hier muss man im Zweifelsfall auch eine Übersetzungsleistung für die Befragten übernehmen.”

Umfragewerte liegen nah an den Wahlergebnissen

Circa 1000 Menschen werden für die Sonntagsfrage befragt. Sie werden zufällig ausgewählt. In größeren Haushalten wird nicht automatisch der befragt, der ans Telefon geht, sondern der, der statistisch in die Rechnung passt. 1000 Menschen stehen damit stellvertretend für 60 Millionen Wahlberechtigte. Kann das stimmen? “Das kann man auch in der Praxis gut kontrollieren. Weil wir fragen natürlich nicht nur nach Einstellungen, sondern auch nach soziodemografischen Merkmalen, zum Beispiel Geschlecht, Alter oder Bildungsabschluss.”

Entgegen der landläufigen Politikermeinung – je nach Ergebnis freilich – Umfragen hätten doch wirklich nichts mit dem Ergebnis am Wahlabend zu tun, stellen die Wahlforscher fest: Was sie in den Wochen zuvor gemessen haben, kommt dem Wahlergebnis immer häufiger ziemlich nah. “Das heißt, die Abweichung zwischen den Vorwahl-Umfrageergebnissen und den Bundestagswahlergebnissen oder Landtagswahlergebnissen sind kleiner geworden im Laufe der Zeit. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Das Bild, das man dann häufig hat, ist durch Ausreißerwahlen wie Brexit oder die US-Präsidentschaftswahl geprägt.”

Wie Umfragen Wahlen beeinflussen

Umfragen können Wahlen beeinflussen, da ist sich die Wahlforschung sicher. Vor allem wenn knappe Ergebnisse zu befürchten sind. Einer kleinen Partei, die in der Sonntagsfrage nur auf 4% kommt, kann es passieren, dass sie genau deswegen nicht gewählt wird. Nach dem Motto, die Stimme wäre verschenkt. Umgekehrt kann es sein, dass eine Volkspartei Stimmen verliert, weil viele Menschen aus taktischen Gründen den kleineren, möglichen Koalitionspartner wählen.

In der Telefonbefragung werden die Parteien übrigens nicht explizit abgefragt. Die Sonntagsfrage lautet nicht: würden sie die CDU, die SPD oder die Grünen wählen. Wenn am Mittwochabend um halb Neun das Telefon klingelt, lautet die Frage: “Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?”

Zuletzt aktualisiert: 22.10.2018, 15:03:01