Wie sich die Grenzen des Sagbaren verschieben

Gepostet am 14.05.2018 um 15:57 Uhr

Die Debatte über Christian Lindners Bäcker-Geschichte hat etwas Erleichterndes, findet Daniel Pokraka. Denn sie zeigt, dass noch genug Leute sensibel reagieren, wenn jemand – ein bisschen oder ein bisschen mehr – rassistisch daherredet.

Grenzen des Sagbaren

Natürlich ist FDP-Chef Christian Lindner kein Rassist. Und vielleicht hätte er, der wohl beste Redner unter Deutschlands Politikern, seine Bäckerei-Geschichte aus seinem Skript gestrichen, wenn es eines gegeben hätte. Aber er hat es eben gesagt, das mit der Angst vor einem ausländischen Bäckerei-Kunden, der gebrochen Deutsch spricht. Und das mit den Zweifeln an der Rechtschaffenheit von Menschen, die anders aussehen.

Saublöd war das, und es ist gut, dass sich die Grenzen des Sagbaren noch nicht soweit verschoben haben, dass keiner mehr widerspricht. Aber sie haben sich verschoben, die Grenzen des Sagbaren, und das liegt nicht nur an der AfD und deren Lieblingsvokabeln „Altparteien“ und „Lügenpresse“. Sondern auch an denen, die ihre ehemaligen Wähler von der AfD zurückholen wollen.

Jüngstes Beispiel: Alexander Dobrindt. Der CSU-Landesgruppenchef hat die Vokabeln „Anti-Abschiebe-Industrie“ und „Abschiebe-Saboteure“ in die politische Debatte eingeführt, spricht von „überrannten Grenzen“ und befürchtet überrannte Gerichte. Eine Wortwahl, die Flüchtlinge zu wilden Horden erklärt und den Anspruch auf Rechtsmittel gegen staatliche Entscheidungen verächtlich macht.

Worte wirken

Und die Einführung solcher Worte wirkt. „Debatte über Asylindustrie“ stand kürzlich über einem Artikel bei Spiegel Online – einfach so, ohne Anführungsstriche. Auch Vokabeln wie „Altparteien“ und „Überfremdung“ haben es längst in die Nachrichten geschafft; die „Flüchtlingswelle“ sowieso, und weitere Beispiele ließen sich mühelos finden.

Mag sein, dass es manchmal schwierig ist, sich politisch korrekt auszudrücken, dass es manchmal bieder wirkt – und dass der eine oder andere dabei auch über das Ziel hinausschießt. Aber dass man sich bemüht, mit dem, was man sagt, niemanden zu beleidigen, zu verletzen oder persönlich herabzusetzen, dass man keine Begriffe von Rassisten salonfähig macht – das ist eigentlich eine Errungenschaft.

Zuletzt aktualisiert: 26.05.2018, 04:34:37