Wie Schweden mit minderjährigen Flüchtlingen umgeht

Gepostet am 20.10.2016 um 16:27 Uhr

Schwedens Ministerin für Chancengleichheit, Åsa Regnér, im Interview über Zuwanderung, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und das umstrittene Verfahren zur medizinischen Altersbestimmung.

Schweden war lange bekannt für eine sehr liberale und progressive Flüchtlingspolitik, der Solidaritätsgedanke und der Glaube an den Wohlfahrtsstaat haben in Schweden Tradition. Warum hat Ihre Regierung im vergangenen Jahr eine Kehrtwende vollzogen?

Regnér: Schweden möchte, genau wie Deutschland, ein offenes Land mit einer offenen Gesellschaft sein. Wir haben seit Jahrzehnten gute Erfahrungen mit Einwanderung nach Schweden, auch mit Flüchtlingen. Es ist aber auch so, dass wir letztes Jahr das Land waren, das pro Kopf die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Wir befanden uns in einer Situation, wo viele Behörden des Landes überfordert waren, nicht mehr leisten konnten – und das ist eine gefährliche Situation. Wir mussten was machen. Mir persönlich und auch meiner Partei ist das schwergefallen. Aber wenn man an der Regierung ist, hat man eine Verantwortung für die gesamte Gesellschaft. Die mussten wir wahrnehmen.

Im letzten Jahr sind rund 35.000 unbegleitete Jugendliche nach Schweden geflüchtet. Wo gab und gibt es dabei die größten Schwierigkeiten?

Regnér: Schwierigkeiten gibt es bei Wohnungen, Lehrern und Unterricht. Dort haben wir zu wenige Kapazitäten. Auch im Sozialdienst ist die Situation in einigen Kommunen schwierig, es fehlen Sozialarbeiter. Viele junge Leute entscheiden sich gegen diese Berufe, da sie sehr stressig sind. Wir müssen deshalb bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Die Regierung hat zwar schon sehr viel Geld investiert, und es läuft besser als im letzten Jahr. Aber wir müssen auch künftig sicherstellen, dass das System funktioniert.

Wieso führt Schweden 2017 medizinische Tests zur Altersbestimmung von jungen Flüchtlingen ein?

Regnér: Wir müssen einfach wissen, dass wir den Kinderschutz nur den Kindern geben. Und dafür brauchen wir Methoden. Deshalb testen wir jetzt ein Modell (der medizinischen Altersbestimmung, Anm. Astrid Rasch), von dem Kinderrechtsorganisationen, Kinderärzte und andere Experten sagen, dass es gut geeignet ist. Wir haben im letzten Jahr 35.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge empfangen – bei zehn Millionen Einwohnern in Schweden. Weil wir Kinder schützen wollen ist es wichtig zu wissen, ob wir es mit Minderjährigen zu tun haben oder nicht.

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Ist das Alter eine angemessene Bewertungsgrundlage, wie intensiv ein junger Mensch betreut werden muss?

Regnér: Ich glaube, man muss irgendwie einteilen. Der besondere Schutz für Kinder muss gelten – und zwar nur für Kinder, das ist uns sehr wichtig. Wir haben jetzt ein Netzwerk aus Betreuern und medizinischen Experten, damit wir ein System bekommen, das so rechtssicher ist wie möglich.
Viele, die sich in diesen Situationen befinden, haben ein sehr schwieriges Leben und es ist eine Aufgabe für alle Behörden, Erwachsene und Kinder so gut wie möglich zu betreuen. Aber ich bin der Meinung: Kinderrecht ist für Kinder.

Welche Perspektiven haben minderjährige Flüchtlinge in Schweden?

Regnér: Wir haben Studien über minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die zeigen, dass diese jungen Leute gute Ergebnisse haben, wenn es um die Integration auf den Arbeitsmarkt geht. Sie haben ein besseres Einkommen und bessere Chancen auf einen Job als ältere Flüchtlinge.
Diese Ergebnisse zeigen, dass es möglich ist, diese jungen Männer und Frauen zu unterstützen. Viele von ihnen sind sehr motiviert und zielstrebig, wir sollten unbedingt versuchen, diese Ergebnisse zu behalten.

Zuletzt aktualisiert: 18.10.2018, 10:00:18