Widerspruchslösung, ja oder nein? Ein Streitgespräch zur Organspende

Gepostet am 15.01.2020 um 17:35 Uhr

Soll zukünftig per Widerspruchslösung jeder, der nicht ausdrücklich widerspricht, Organspender werden? Die Gesundheitspolitiker Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) und Karl Lauterbach (SPD) im Streitgespräch.

Karl Lauterbach, SPD:
Ich persönlich setze mich für die Widerspruchslösung ein. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie eine notwendige Bedingung für eine deutliche Erhöhung der Zahl der Organspenden in Deutschland ist.
Und daher haben auch fast alle europäischen Länder mittlerweile Widerspruchslösungen. Wir hängen da hinterher. Und ich habe bisher immer, wenn wir statt der Widerspruchslösung etwas anderes gemacht haben, argumentiert: Das wird zum Schluss erneut nicht dazu führen, dass wir mehr Organe transplantieren können. Weil nur das Verfahren des Widerspruches die Lücke zwischen den 85 Prozent eigentlich Spendebereiten und dem Drittel, das zum Schluss auch spendet, schließt.

Christine Aschenberg-Dugnus, FDP:
Das sehe ich völlig anders. Ich möchte aber zunächst erstmal feststellen, dass wir natürlich auch für eine Erhöhung der Organspendezahlen in Deutschland sind. Und wir sind ganz anders herangegangen. Wir haben uns gefragt: Was hindert eigentlich die Menschen, die ja doch der Organspende sehr positiv gegenüber eingestellt sind daran, tatsächlich auch ihren Organspendeausweis auszufüllen?
Und wenn sie sich dann mit den Leuten unterhalten, dann stellen sie fest, dass fast die Hälfte der Menschen sagt: Wir sind gar nicht ausreichend über die Organspende informiert.
Das heißt, es existieren auch diffuse Ängste: Was ist überhaupt Hirntod? Ich finde, wir müssen den Menschen diese Ängste nehmen und erklären, was es bedeutet. Und deswegen haben wir ja bei unserem Gesetzentwurf auch einen großen Wert darauf gelegt, zu sagen: Wir holen die Menschen dort ab und bieten ihnen niederschwellige Angebote.
Sie können zum Beispiel alle zwei Jahre eine Beratung bei ihrem Hausarzt in Anspruch nehmen. Und wenn sie trotzdem noch gegen eine Organspende sind, aus welchen Gründen auch immer, dann finde ich, sollten wir Respekt vor der individuellen Entscheidungen des Bürgers haben. Und die Lösung, die wir präferieren, wird dazu führen, dass sich immer mehr Menschen für die Organspende entscheiden – aber auch bewusst entscheiden. Wir bauen auf die freie Entscheidung jedes Einzelnen.

Karl Lauterbach:
Es darf keine Pflicht zur Organspende geben. Das ist auch in unserem Antrag nicht der Fall. Es ist nur eine Pflicht zu widersprechen, wenn man nicht spenden will. Die Frage ist ja nicht: Selbstbestimmung, ja oder nein? Sondern: Wie wird die Selbstbestimmung ausgeübt? Durch Widerspruch oder durch Zustimmung? 85 Prozent und mehr wollen eigentlich Spender sein. Die Widerspruchslösung wird als Instrument der unbürokratischen, einfachen und sicheren Art und Weise der Umsetzung in fast allen europäischen Ländern praktiziert. Die Mehrheit will übrigens auch ein Organ, wenn sie ein Organ benötigt.

Christine Aschenberg-Dugnus:
Ich möchte noch einmal mit dem Vorurteil aufräumen, dass es überall da, wo die Widerspruchsregelung herrscht, automatisch erhöhte Spenderzahlen gibt. Bulgarien zum Beispiel hat mit der Widerspruchlösung schlechtere Zahlen als Deutschland.
Und wenn man jetzt Spanien nimmt, das ja wegen seiner sehr hohen Spenderzahlen richtigerweise immer als Vorzeigeland genannt wird: Die haben auf dem Papier eine Widerspruchslösung. Die wenden sie aber nicht an. Sie haben ein sehr gutes System, das in den Krankenhäusern die Organisation anders regelt. Die Organisation haben wir 2017 auch anders geregelt. In der Hoffnung, dass es zu Verbesserungen kommt.

Karl Lauterbach:
Wir haben das Gesetz ja schon eingeführt und wir sehen, dass die Organspendezahlen nicht steigen. Es ist auch für jeden Kliniker, für jeden Arzt ganz klar: Egal, wie ich die Organisation der Spende eines Organs handhabe, ich kann nur das besser organisieren, was ich tatsächlich auch in den Händen habe.

Christine Aschenberg-Dugnus:
Sie haben die Ärzte angesprochen. Ein Transplantationschirurg hat mir gesagt, was ihm bei der Widerspruchsregelung missfällt: Wenn ich ein Organ entnehme, möchte ich sicher sein, dass derjenige, der da vor mir liegt, das auch ausdrücklich möchte.

Karl Lauterbach:
Aber die Mehrheit der Ärzte, das müssen sie auch einräumen, tendiert zur Widerspruchslösung. Es gibt auch andere, das weiß und respektiere ich auch. Im Übrigen gibt es auch viele Ärzte, die sich mit dem jetzigen Verfahren schwer tun. Weil da entscheiden ja in der Regel zum Schluss die Angehörigen, die mutmaßen, was die Entscheidung des Verstorbenen gewesen wäre. Die Widerspruchslösung kann nur kommen, wenn – wie wir das vorgesehen haben – vorher breit darüber aufgeklärt wird, was passiert.

Christine Aschenberg-Dugnus:
Aber die Angehörigen haben keine eigene Entscheidung, sondern sie werden nur befragt, ob sie etwas von dem Willen des Verstorbenen wissen. Ob eine gegenteilige Entscheidung bestand. Sie haben keine eigene Entscheidungsbefugnis.

Karl Lauterbach:
Genau! Weil wir nicht wollen, dass sie eine eigene Entscheidungsbefugnis haben, weil die Entscheidung von dem Verstorbenen getroffen wurde. Ich will nicht, dass es so bleibt wie jetzt. Dass andere für den Verstorbenen entscheiden.

Zuletzt aktualisiert: 04.06.2020, 15:20:09