Wertekunde-Unterricht für Flüchtlinge? Ein Pro und Contra.

Gepostet am 07.05.2018 um 12:11 Uhr

Unions-Politiker fordern einen Wertekunde-Unterricht für Flüchtlinge, als Pflicht vor dem Schulbesuch. Eine gute Idee, die aber für alle Kinder in Deutschland gelten sollte, findet Nina Barth. Iris Mack hält dagegen: Werte sollten vorgelebt, nicht an Lehrpersonal delegiert werden.

Nina Barth, SWR, ARD-Hauptstadtstudio: Werte-Unterricht für alle

Die Achtung der Menschenwürde, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder auch die Einhaltung der Presse- und Meinungsfreiheit – das sind Grundwerte unserer Verfassung. Wer hier lebt, muss sich daran halten. Das schon den ganz Kleinen beizubringen, ist angebracht. Denn woher sollen Kinder diese Werte kennen, wenn sie es bisher anders erlebt, vorgelebt bekommen haben? Wenn sie aus Ländern kommen, in denen es zum Beispiel diese Gleichberechtigung nicht gibt. Ein gemeinsames Verständnis von den Grundwerten unserer Verfassung ist die Voraussetzung für Integration – alle Möglichkeiten sollten dafür ausgeschöpft werden. Und dass Kinder von Migranten schon vor dem eigentlichen Unterricht von diesen Werten hören, ist sicher sinnvoll. Wobei es davon abhängen wird, wie diese Werte vermittelt werden. Das wird die Herausforderung sein – ein pures Auswendiglernen wird nicht reichen. Die Idee eines Wertekunde-Unterrichts ist gut. Noch besser wird sie, wenn dieser Werte-Unterricht für alle gilt. Auch für deutsche Kinder.

Iris Mack, SWR: Verantwortung leben, nicht delegieren

„Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ In dieser Weisheit von Karl Valentin steckt viel Wahres drin: Kinder lernen vor allem durch Vorbilder. Und hier sind wir als Gesellschaft gefragt. Wenn wir ein respektvolles Miteinander vorleben, dann werden auch Flüchtlingskinder begreifen, dass Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit nicht zu dieser Gesellschaft gehören. Wir müssen endlich aufhören, Verantwortung immer nur zu delegieren. An Lehrer und Erzieher, die sowieso schon einen Großteil der Integrationsarbeit leisten, und an die Flüchtlingskinder selbst, die teils Schlimmes erlebt haben, jetzt aber möglichst schnell Sprache, Sitten und Gebräuche in Deutschland lernen sollen.
Es mutet in meinen Augen seltsam an, Kindern die Grundlagen der christlich-abendländisch geprägten Kultur zunächst in der Theorie einzupauken – sozusagen als Vorbereitung auf die Integration. Kinder brauchen vor allem praktische Anschauung.
„Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ heißt ein afrikanisches Sprichwort. Nehmen wir unsere Verantwortung wahr und leben wir Demokratie vor. Praktische Beispiele statt Wertekunde-Unterricht!

Zuletzt aktualisiert: 25.09.2020, 21:31:31