Wenn schon „Heimat“, dann richtig

Gepostet am 26.02.2018 um 14:33 Uhr

Der Begriff „Heimat“ ist plötzlich wieder in aller Munde. Seltsam eigentlich, denn lange Zeit verband sich damit meist Negatives. So wie Heiko Maas ihn auslegt, ist er allerdings verkürzt, kommentiert Thomas Kreutzmann.

Mit der nächsten Großen Koalition kehrt ein restaurativer Begriff zurück: „Heimat“. Das Ringen um Inhalt, Sinn und Bedeutung der „Heimat“ hat Konjunktur. Es ist Thema im „Bericht aus Berlin„, bei tagesschau.de oder bei „Spiegel online“.

Erstaunlich. Denn „Heimat“ war so abgemeldet wie Adalbert Stifter. Lange Zeit verband sich damit meist Negatives, Überkommenes wie „Heimatfilm“ oder „Heimatschnulze“ – kitschiges Verdrängen der dunklen Seite der deutschen Geschichte also. Seit aber die Heimatschützer der AfD Wahlerfolge feiern, erlebt die „Heimat“ ein Comeback: Menschen, die sich auf dem Land oder im brodelnden Biotop der Großstädte heimatlos fühlen, sollen nicht nur von Vielleicht-Heimatminister Seehofer aus der rechten Ecke geholt werden.

Maas beschwört den Verfassungspatriotismus

Auch Noch-Justizminister Maas fühlt sich dazu berufen, und gleichzeitig will er sich von Seehofers vermutetem Heimatbegriff distanzieren. Maas beschwört auf „Spiegel online“ den Verfassungspatriotismus; Heimat sei vor allem dort, wo das Recht die Freiheit sichert.

Sorry: Thema verfehlt, weil verkürzt. Bei Maas zeigt sich das ganze Elend der verkopften Hauptstadt-Politik. Denn es geht weniger um die reine ratio als um ein Gefühl. Und zwar um ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Heimat bedeutet vor allem: sich im Bekannten vertraut, aufgehoben und sicher zu fühlen. Zum Beispiel in einem Sozialstaat. Durchaus auch bei Knödel mit Kraut, Lederhosen und „Toten Hosen“, Schumann und Schaschlik, Kermani und Kalkbrenner, Bach und Baklava.

Weltfremd und gefühlsarm

Doch Maas scheint, ähnlich wie die Noch-Integrationsbeauftragte Özoguz, einen gemeinschaftsstiftenden Zusammenhang über den Verfassungsrahmen und die gemeinsame Sprache hinaus zu bezweifeln. Das wäre ebenso weltfremd wie gefühlsarm. Und gefährlich. Denn das Heimatgefühl hat unter der humanitären Großleistung, eine Million Flüchtlinge innerhalb eines Jahres aufzunehmen, bei vielen Menschen stark gelitten.

Sie fühlen sich nicht mehr zuhause. Ängste um öffentliche Sicherheit, Wohnraum-und Arbeitsplatzkonkurrenz sind entstanden. Sie kommen noch hinzu zu den Abstiegs- und Armutsängsten, die die neoliberale Volte der SPD Anfang der Nullerjahre ausgelöst hat, und die seither den Markenkern und die Seele der Sozialdemokraten zerfressen. Der stupende Niedergang der SPD zeigt, dass viele ihrer führenden Politiker das nicht wirklich begriffen haben.

Wer Menschen, Alteingesessenen wie Zugewanderten, das Gefühl von Heimat ( wieder-)geben will, muss ihnen Sicherheit, Chancen und Perspektiven geben. Es geht um konkrete Sozial-und Arbeitsmarktpolitik. Und um eine breite öffentliche Diskussion, auch im Deutschen Bundestag – außerhalb giftiger Filterblasen der sozialen Netzwerke. Es geht um die Frage, woher unsere Gesellschaft kommt und wohin sie gehen soll. Am Ende könnten sich wieder mehr Menschen mit Deutschland identifizieren, als Verfassungsstaat … und Heimat.

Zuletzt aktualisiert: 13.12.2019, 21:58:00