„Wir sind keine Verlierer“

Gepostet am 12.05.2019 um 00:38 Uhr

30 Jahre nach dem Mauerfall hängt der Osten Deutschlands wirtschaftlich immer noch dem Westen hinterher. Doch auch in den neuen Ländern steigen Mieten und Lebenshaltungskosten. Eine Bilanz von Kristin Schwietzer.

30 Jahre nach dem Mauerfall hängt der Osten Deutschlands wirtschaftlich immer noch dem Westen hinterher. Doch auch in den neuen Ländern steigen Mieten und die Lebenshaltungskosten. Eine Wendebilanz.

Von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

Matratze, Schreibtisch, Bücherregal, ein paar Pflanzen – viel Platz ist nicht im Zimmer von Lukas Gliem. Es sind elf Quadratmeter. „Das reicht“, sagt der Ethnologiestudent. „Ist wenigstens bezahlbar.“ 240 Euro kostet sein WG-Zimmer in Leipzig-Lindenau.

Gliem ist schon drei Mal umgezogen – auch weil er sich die Mieten im beliebten Leipziger Norden, wo er früher wohnte, nicht mehr leisten kann. Jetzt wohnt er etwas weiter weg vom Zentrum.

Städte wie Jena oder Leipzig boomen

So wie ihm geht es vielen Studenten. Selbst in Ostdeutschland ziehen die Mieten an. Städte wie Jena oder Leipzig boomen.

In angesagten Vierteln sind die Quadratmeterpreise in den letzten zehn Jahren rasant gestiegen. Münchner Verhältnisse sind das noch nicht. Aber der Osten holt 30 Jahre nach der Wende auf.

Probleme, die Ost und West längst teilen

Es fehle bezahlbarer Wohnraum, sagt auch Andrea Diekhof, die Geschäftsführerin des Studentenwerks Leipzig: „Auch wir werden ohne finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite für Modernisierung beziehungsweise Neubau von Studentenwohnheimen unsere sozialen Mieten auf Dauer nicht halten können.“

Der Studenten/innen-Rat richtete sogar schon eine eigene Mietsprechstunde für Betroffene ein. Hier können sie sich auch rechtliche Beratung holen. Steigende Mieten, höhere Lebenskosten – das sind Probleme, die Ost und West längst teilen.

Unterschiede – selbst bei der Nachwendegeneration

Doch es gibt noch Unterschiede – selbst bei der Nachwendegeneration. Das belegt eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Demnach schauen die 20- bis 30-Jährigen gar nicht so sehr auf die geschichtlichen Zusammenhänge, sondern vielmehr auf die nackten Fakten. Sie sehen, dass der Osten wirtschaftlich hinterherhinkt und beurteilen deshalb auch ihre eigenen Jobchancen schlechter.

Zudem seien junge Ostdeutsche (51 Prozent) weniger mit den Leistungen der Demokratie zufrieden als junge Menschen aus dem Westen (58 Prozent). Jeder fünfte Ostdeutsche der Nachwendegeneration fühlt sich laut Studie eher als Ostdeutscher denn als Deutscher.

Transformationserfahrungen würden sich über die Generationen fortsetzen, so die Einschätzung der Studienmacher. Es ginge auch für die nach 1989 Geborenen noch darum, „Transformationsleistungen anzuerkennen, gegenseitiges Verständnis zu stärken und Berührungspunkte zu schaffen“, schlussfolgert Studienautor Simon Storks.

DDR ein Kapitel im Geschichtsbuch

Auch Gliem kommt aus dem Osten, aus Greifswald. Er ist Jahrgang 1996. Die DDR ist für ihn vor allem ein Kapitel im Geschichtsbuch. Dennoch: irgendwie fühlt er sich im Osten wohl.

Seine Familie erzählt ihm, wie es war, durchaus kritisch. Gliem sieht hier noch Unterschiede: „Ich glaube, dass ich das auch selber unbewusst mache. Aber ich wünsche mir, dass wir uns davon emanzipieren können und irgendwann sagen können: Es ist ein Deutschland.“

Einst das größte Braunkohlekraftwerk der Welt

Gut 60 Kilometer nördlich von Leipzig – in Zschornewitz – steht mitten im Ort ein Kraftwerk. Es wurde 1915 gebaut. Einst war es das größte Braunkohlekraftwerk der Welt. Heute ist es ein Museum – ein stummer Zeuge vor allem für die Umbrüche der Wendezeit.

Fast 700 Menschen waren am Ende der DDR hier beschäftigt. 1992 wurde das Werk von der Treuhand abgewickelt und stillgelegt.

Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Wut

Die ehemaligen Kraftwerker machen Erfahrungen wie viele andere Ostdeutsche auch. Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Wut. Es entstehen Leerstellen in den Orten und bei den Menschen.

Einige von ihnen treffen sich noch heute. Ingo Brämer hat als junger Mann im Kraftwerk angefangen. „Als Lehrling hat man mir gesagt. Dein ganzes Leben kannst Du im Kraftwerk arbeiten. Elektroenergie wird immer benötigt. Und Du hast ausgesorgt.“

Dass es anders kam, hat viele ehemalige Beschäftigte hart getroffen. Nach der Wende drohten ganze Regionen im Osten auszubluten. Bis heute fehlen der ostdeutschen Wirtschaft trotz aller Förderung die ganz großen Unternehmen.

Thema Sicherheit im Osten besonders wichtig

Wo Arbeit fehlt, macht sich Frust breit. Das Thema Sicherheit für das eigene Lebensumfeld spiele vor allem im Osten eine besonders große Rolle, so eine Studie des Zentrums für Sozialforschung der Martin-Luther-Universität in Halle. Auftraggeber ist das Bundeswirtschaftsministerium.

Die Autoren der Studie haben dafür eine umfangreiche Bevölkerungsumfrage durchgeführt. Ein Ergebnis: Die Ost-West-Schere öffne sich wieder. Vor allem das Demokratieverständnis habe sich im Osten verändert. Es gehe verstärkt darum, bei Wahlen auch Protest zu äußern. Viele Transformationsprozesse hätten das Sicherheitsbedürfnis der Menschen in Ostdeutschland nachhaltig erschüttert. Eben das würde zu Abwehrreflexen führen.

„Protest kann belebend für die Demokratie sein“

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung warnt vor Schwarz-Weiß-Malerei. „Protest und unkonventionelle Beteiligungsformate können auch belebend für die Demokratie sein, weil sie dazu beitragen, Defizite aufzuzeigen und zu thematisieren. Deshalb ist Politik hier auch besonders gefordert.“ 

Frust und Wut sind Empfindungen, die auch die Kraftwerker aus Zschornewitz verstehen. Dennoch sagen sie rückblickend: Das Erlebte verbindet auch. Als Wendeverlierer sehen sie sich nicht. Demokratie sei ein wichtiges Gut, sagt Ingo Brämer und zitiert Willy Brandt: Es braucht Zeit. Es muss noch zusammenwachsen, was zusammengehört.

Mehr zum Thema sehen Sie im „Bericht aus Berlin“ – um 18.30 Uhr im Ersten.

Zuletzt aktualisiert: 22.10.2019, 20:46:09