Was machen die Mächtigen im Schnee?

Gepostet am 22.01.2019 um 02:36 Uhr

Reiche und Mächtige treffen sich in einem idyllischen Schweizer Bergort – ein alljährliches Ritual, um das sich viele Mythen ranken. Aber was bringt das WEF in Davos nun wirklich? Martin Mair geht dieser Frage nach.

Reiche und Mächtige treffen sich in einem idyllischen Schweizer Bergort – ein alljährliches Ritual, um das sich viele Mythen ranken. Aber was bringt das WEF in Davos nun wirklich?

Von Martin Mair, BR, ARD-Hauptstadtstudio

Davos hat etwas Malerisches. Das Schweizer Alpenpanorama zeigt sich hier von seiner schönsten Postkartenseite: Die Luft im Winter flirrt kristallklar und kalt, die Idylle des Kurorts ist perfekt. Doch einmal im Jahr wird sie empfindlich gestört. Dann kreisen Hubschrauber über dem Landwassertal, Journalisten drängeln sich um Regierungschefs und Konzerngrößen. Sie alle geben sich beim Weltwirtschaftsforum (WEF) ein Stelldichein der Globalisierung. Ein Schaulaufen der Reichen und Mächtigen, wie Kritiker gerne spotten.

Exklusiver Club der Superlative

Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend: Mehr als 3000 Teilnehmer aus 110 Ländern sind dabei, es gibt 400 Vorträge und Workshops. Stolz präsentiert WEF-Gründer Klaus Schwab alljährlich Teilnehmerrekorde. Doch das Forum bleibt ein exklusiver Club: Die Veranstalter entscheiden allein, wer kommen darf.

Bundesregierung gibt sich zu Zielen zugeknöpft

Die Kanzlerin sei wieder dabei, so Regierungssprecher Steffen Seibert vergangene Woche. Routinemäßig kündigt er freitags die öffentlichen Termine von Angela Merkel an – im Kalender steht ein zweitägiger Besuch in Davos. „Die Erwartung ist wie jedes Mal, in Davos auf eine Vielzahl von hochinteressanten, internationalen Gesprächspartnern zu treffen“, so Seibert. Was seine Chefin von dem Treffen konkret erwartet und mit welcher Botschaft sie auftreten will – dazu schweigt der Sprecher der Kanzlerin.

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Der Anspruch, die Welt zu verbessern

Auch andere Minister bleiben schmallippig. „Ich kann sagen, dass Wirtschaftsminister Altmaier auch reist“, heißt es aus dem Haus des CDU-Mannes. Und die Verteidigungsministerin lässt über ihren Sprecher ausrichten, dass Ursula von der Leyen sich in Davos mit sicherheitspolitischen Fragen befassen wird.

Von der Leyen fährt aber noch aus einem anderen Grund nach Davos: Sie ist Mitglied des „Board of Trustees“. Eines exklusiven Zirkels, der sich als Kreis von Treuhändern des Treffens versteht. Spitzenpolitiker wie der frühere US-amerikanische Vizepräsident Al Gore gehören dem Gremium ebenso an wie Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler. Sie alle beraten das Forum, das für sich selbst in Anspruch nimmt, den Zustand der Welt verbessern zu wollen.

Politische Bedeutung bleibt umstritten

Ein Anspruch, über den Heiner Flassbeck nur müde lächeln kann. Der Wirtschaftswissenschaftler war früher Staatssekretär im Finanzministerium, danach Chef-Volkswirt bei einer UN-Organisation. Und selbst Gast in Davos. Für ihn ist das Treffen ein lockerer Austausch von Reichen und bedeutenden Menschen. „Aber politisch ist die Bedeutung ganz nahe null“, urteilt er.

Dennoch reisen allein aus der Bundesregierung die Kanzlerin und vier ihrer Minister an. Neben denen für Wirtschaft und Verteidigung sind auch Gesundheitsminister Jens Spahn und Verkehrsminister Andreas Scheuer in den Schweizer Alpen. Die Antwort nach der konkreten Agenda der deutschen Regierungsmitglieder bleibt bei allen vage.

WEF-Kritiker Flassbeck glaubt auch zu wissen, warum: Es gehe vor allem um eine weltweite Öffentlichkeit, die man sonst nicht bekomme. „Frau Merkel hält ihre Rede, noch drei Small-Talks, und dann fährt sie wieder“, so Flassbeck. Man dürfe aber nicht glauben, dass in Davos wirklich ernsthaft politisch diskutiert werde.

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Weltwirtschaftsforum ruft Kritiker auf den Plan

Der Vorwurf, dass das Weltwirtschaftsforum nur eine gigantische Show sei, ist so alt wie das Treffen. Auch Verschwörungstheorien ranken sich um die Veranstaltung. Hier, so glauben manche, werde die heimliche Weltordnung festgelegt. Eben weil sich die Reichen und Mächtigen jährlich in Davos versammeln. Abgeschirmt hinter Stacheldraht in einem Luxushotel.

Draußen, im Kern des Schweizer Dorfs, wird es regelmäßig laut. Demonstranten ziehen mit Transparenten und Trillerpfeifen durch die Straßen. Die wenigsten treiben Verschwörungstheorien auf die Straße, sondern vielmehr handfeste Kritik an der Globalisierung. Umweltzerstörung und Ausbeutung sind die Schlagworte des Protestes. Auch der ist inzwischen ein Ritual geworden – so wie das Weltwirtschaftsforum selbst.

Bleibende Beschlüsse oder gar bahnbrechende Erkenntnisse sind aus der fast 50-jährigen Geschichte des WEF nicht überliefert. Doch Davos versinkt alljährlich für vier Tage im hektischen Trubel. Danach kehrt die Stille zurück in den malerischen Ort. Und im nächsten Jahr kommen alle wieder.

Die Bundesregierung in Davos: Schaulaufen der Mächtigen
M. Mair, ARD Berlin
05:10:53 Uhr, 22.01.2019

Zuletzt aktualisiert: 18.09.2019, 17:46:01