Was will die AfD sein?

Gepostet am 28.05.2018 um 12:14 Uhr

Nach der gestrigen Demonstration in Berlin gibt es keinen Zweifel: Die AfD ist beides – radikale Protestpartei und eine Parlamentspartei, die möglichst bald Regierungsverantwortung übernehmen will. Und sie ist in beiden Rollen gefährlich, kommentiert Sabine Müller.

Es gibt Debatten, die erscheinen einem relativ theoretisch, bis die Praxis dann überraschend klare Antworten liefert. Im Vorfeld der AfD-Demonstration im Berliner Regierungsviertel war viel darüber diskutiert worden, wie gespalten die Alternative für Deutschland ist in der Frage, was sie eigentlich sein will: Radikale Bewegungs- und Protestpartei, deren größte Macht auf der Straße liegt, oder Parlamentspartei, die dort solide arbeitet und sobald wie möglich Regierungsverantwortung übernehmen will?

Eine Machtdemonstration?

Für mich gibt es nach dem gestrigen Tag keinen Zweifel: Die AfD ist beides und sie ist in beiden Rollen gefährlich. Sicher, die Protestpartei AfD hat weniger Demonstranten auf die Straße gebracht als sie ursprünglich mal gehofft hatte. Das waren keine zehn bis zwölf tausend Menschen, sondern vielleicht gut die Hälfte davon. Aber das ist kein Grund zur Entwarnung – ich rate dringend dazu, daraus nicht zu schließen, dass die Machtdemonstration, die die Alternative für Deutschland in Berlin abliefern wollte, misslungen ist.

Dazu war die optische Inszenierung viel zu professionell, der Aufbau einer Kulisse mit hunderten oder vielleicht sogar tausenden von Fahnen, die kostenlos an alle AfD-Anhänger verteilt wurden, die selbst keine mitgebracht hatten. Dazu waren die Sprechchöre „Merkel muss weg“ oder „Widerstand, Widerstand“ zu laut und zu inbrünstig, dazu war zu viel Wut in den Augen derer, die gekommen waren. Und dazu war das Führungspersonal der AfD aus Land und Bund zu geschlossen angetreten. Ja, Fraktionschefin Alice Weidel fehlte, aber ansonsten war alles da, was in der AfD Rang und Namen hat.

Die verbalen Grenzen verschieben sich

Und die Auftritte zeigten: Je radikaler in Tonfall und Inhalt desto besser. Wer als Redner halbwegs gemäßigt auftrat – und das kam in Ausnahmefällen durchaus vor – der bekam nicht viel Applaus von den AfD-Anhängern. So richtig goutieren tun sie eigentlich nur das, was mindestens hart an der Grenze des Sagbaren ist. Die Erfahrungen auf der Straße haben natürlich Auswirkungen auf die Parlamentspartei AfD: Auch im Bundestag verschiebt sie die verbalen Grenzen immer weiter.

Was kann man der AfD entgegensetzen?

Fragt sich, was man der Bewegungs- und Parlamentspartei AfD entgegensetzen muss? Wie man ihr auf der Straße begegnen muss, haben gestern die Gegendemonstranten gezeigt. Sie waren der AfD zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegen – es war ein lautes, buntes Bündnis, ganz viele junge Leute, Punker und Ökos, vereint im friedlichen Protest. Gewalt gab es nur ganz vereinzelt – ich hätte mir gewünscht, sie wäre ganz ausgeblieben. Denn wenn Gegendemonstranten Teer auf AfD-Anhänger kippen, dann helfen solche Aktionen der Partei nur, ihren Märtyrer-Mythos zu perfektionieren.

Und was kann man der AfD im Parlament entgegensetzen? Ich würde mir von den anderen Parteien mehr Mut wünschen, mehr Mut, sich weniger von der AfD treiben lassen. Ihr weniger nach dem Mund reden, nicht versuchen, sie zu kopieren, denn auf ihrem eigenen Feld ist die AfD sowieso nicht zu schlagen. Wenn Horst Seehofer und seine CSU glauben, dass sie in großem Stil AfD-Wähler zurückholen können, verkalkulieren sie sich meiner Meinung nach ganz gewaltig. Sie hätten die Verachtung in den Augen der AfD-Demonstranten sehen sollen, die ihnen entgegenschlägt – die ist keinen Deut weniger als gegenüber dem Rest der sogenannten Altparteien.

Zuletzt aktualisiert: 18.09.2020, 18:22:14