Was tun, wenn Fakten keine Rolle mehr spielen?

Gepostet am 09.12.2016 um 15:33 Uhr

“Postfaktisch” ist zum Wort des Jahres gekürt worden. Und das zu Recht, denn es deutet auf ein gefährliches Phänomen hin. Wenn Menschen nur noch glauben, was sie wollen, haben Fakten keine Chance. Was tun?

Sie glauben uns doch eh nichts mehr, oder? Uns, den “Systemmedien”, den “Hofberichterstattern”, der “Lügenpresse”. Es gibt nicht wenige, die sagen, dass das “postfaktische Zeitalter” angebrochen ist.

Sprich: Fakten sind nebensächlich, es geht nicht mehr darum, was belegbar ist, sondern das, was sich am besten ins eigene Weltbild einfügen lässt. Und da gehört es für viele postfaktische Zeitgenossen dazu, den etablierten Medien nichts mehr zu glauben. Dementsprechend ist es nur allzu folgerichtig, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache “postfaktisch” zum Wort des Jahres gekürt hat.

Ein gefährliches Phänomen

Damit haben die Sprachhüter auf ein gefährliches Phänomen hingewiesen, das inzwischen weit in unsere gesellschaftliche Realität hineinreicht. Dazu müssen wir uns nur zwei Beispiele aus dem Jahr 2016 ansehen: Donald Trump wird zum US-Präsidenten gewählt. Und: Die Briten stimmen für den Brexit. In beiden Fällen waren offensichtlich viele Stimmberechtigte nicht mehr für Fakten und Argumente erreichbar.

Donald Trump ist ein Meister darin, erfolgreich seine Behauptungen zu verteidigen, obwohl sie widerlegt wurden. So behauptete er in einem TV-Duell mit Hillary Clinton, er sei von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen. Dabei hat er sich in einem Radiointerview 2002 noch dafür ausgesprochen. Ihm und seinen Anhängern war dieser Fakt aber egal.

Die 350-Millionen-Pfund-Lüge

Der Brexit-Fürsprecher Nigel Farage belog seine Anhänger offensichtlich, als er behauptete, dass Großbritannien die 350 Millionen Pfund, die es angeblich wöchentlich an die EU zahlt, zukünftig ins Gesundheitswesen stecken könne. Nach dem Brexit gab er zwar zu, dass die Zahl nicht stimme und das Geld wohl auch nicht so einfach für neue Krankenhäuser eingesetzt werden könne, aber da war es dann auch schon zu spät.

Dazu passt, dass die Briten nach dem Brexit plötzlich auf Google fragten, was der Brexit für sie bedeutet. Viele hatten offensichtlich für den Brexit gestimmt, ohne zu wissen oder sich zu fragen, was für Konsequenzen er haben könnte. Sie glaubten lieber Populisten wie Farage. Eine postfaktische Entscheidung.

Auch wir in der Social-Media-Redaktion haben immer wieder mit Facebook- und Twitter-Usern zu tun, denen die Fakten egal sind. Ihr bewährtes rhetorisches Mittel ist es, den Spieß umzudrehen und uns der Lüge zu bezichtigen:

fb-beispiele

(Klicken Sie auf das Bild, um es zu vergörßern)

Da wir unsere Nutzer nicht bloßstellen wollen, haben wir zumindest die Namen auf den Screenshots ausradiert. Aber Sie sehen: Wenn wir nachhaken und fragen, ob die betreffenden Nutzer Belege für ihre Behauptungen haben, dass wir staatlich gelenkt seien oder einfach nur lügen, kommt die postfaktische Behauptung: Beweise seien gar nicht mehr nötig.

Damit wird natürlich jede auf Fakten basierende Diskussion im Keim erstickt. Es geht auch nicht mehr darum, ob jemand die besseren Argumente hat. Es geht nur noch darum, wem man glauben will und wem nicht. Was die postfaktischen Nutzer dabei missverstehen: Es geht in der journalistischen Berichterstattung nicht um Glauben. Sondern darum, die Realität abzubilden, so objektiv uns das möglich ist. Den Glauben sollte man stattdessen lieber in der Kirche lassen.

Was tun?

Es ist anscheinend viel Vertrauen verloren gegangen. Die Weltlage ist unübersichtlich, komplex und für manche Angst einflößend. Viele suchen nach Antworten, nach Schuldigen, nach Gut und Böse. Soziale Netzwerke wie Facebook machen es einem schwer, zu unterscheiden, ob eine Meldung wahr oder falsch ist.

Es ist bezeichnend, dass die meisten postfaktisch denkenden Menschen ganz klare Antworten auf komplexe Fragen haben: Wer ist schuld an der furchtbaren Lage in Aleppo? Die USA. Wer rettet die Menschen in Aleppo? Putin. Wer ist schuld an der Flüchtlingskrise? Merkel. Wer wird den Weltfrieden herbeiführen? Trump.

Dass die Realität viel komplizierter ist, sich nicht alles in Schwarz und Weiß einteilen lässt, interessiert diese Menschen nicht. Vielleicht haben wir – die etablierten Medien – sie schon verloren, so wie das eine Datenanalyse der Kollegen vom BR vermuten lässt:

Vielleicht können wir aber auch ein paar von ihnen wieder zurückgewinnen. Indem wir unsere Arbeit transparent machen, ihnen zeigen, wie wir Quellen überprüfen, wie wir hartnäckig fragen stellen, und sie darüber aufklären, was Nachrichten von Fake News unterscheidet. Ein bisschen Vertrauen gehört allerdings dazu.

Zuletzt aktualisiert: 19.08.2018, 16:59:21