Was in der Tagesschau nicht gesendet wird

Gepostet am 21.12.2018 um 13:00 Uhr

Was passiert auf Auslandsreisen von Politikern? Und wie kommen die Berichte in die Tagesschau? Christian Feld über seine Reise mit Außenminister Heiko Maas nach Kuwait, Jordanien und in den Irak.

Hoch oben vom Mor-Mattai-Kloster im kurdischen Norden des Irak geht der Blick weit ins Niniveh-Tal. Hier im kurdischen Norden des Irak sahen die Mönche die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates vorrücken. Peschmerga-Kämpfern gelang es, den IS aufzuhalten. Ein beeindruckender Ort, den Außenminister Heiko Maas auf seiner Reise in den Irak besucht.

Ein echtes Problem ist jedoch die Straße, die vom Kloster weg führt. Die windet sich den Berg herunter und ist voller Schlaglöcher. Trotzdem ist die lange Fahrzeug-Kolonne in sportlichem Tempo unterwegs. Für uns, die begleitenden Medien, tickt die Uhr. In nicht einmal zwei Stunden werden wir in Erbil in ein Transall-Flugzeug der Bundeswehr in Richtung Jordanien einsteigen. Bis dahin müssen Meldungen, Artikel und Berichte bei den Redaktionen in Deutschland sein, auch unser Film für die Tagesschau.

Was in der Tagesschau nicht zu sehen ist

Korrespondentinnen und Korrespondent in Auslandsstudios wie Nairobi, Singapur oder Kairo kennen solche ungewöhnlichen Produktionsbedingungen gut. Im politischen Journalismus in Berlin sind sie eher die Ausnahme. Ja, es kommt vor, dass Sitzungen länger dauern als geplant, dass sich Pressekonferenzen verzögern. Doch im Großen und Ganzen arbeiten wir unter halbwegs planbaren Umständen. Es sei denn, wir reisen mit der Kanzlerin oder Ministern ins Ausland.

Vier Tage lang habe ich für das ARD-Hauptstadtstudio Heiko Maas bei seiner Reise nach Kuwait, Jordanien und in den Irak begleitet. Hier sind ein paar Eindrücke von dem, was in der Tagesschau nicht zu sehen ist.

Wie in der Geschichte von Hase und Igel

Minister- und Kanzlerreisen sind im Normalfall ein sehr genau durchgeplantes Unterfangen. Die Terminpläne sind prall gefüllt. So steht beispielsweise für Maas am Montag auf dem Programm: Besuch beim Emir von Kuwait, Flug nach Bagdad, danach Termine erst beim Außenminister, dann beim Ministerpräsidenten. Anschließend besucht Maas mit der Delegation einen Co-Working Space inklusive Diskussion mit jungen Irakerinnen und Irakern. Nach einem Gespräch mit Soldatinnen und Soldaten und einem Empfang in der deutschen Botschaft endet der Tag.

Und so jagt den ganzen Tag eine Kolonne von mindestens zwanzig Fahrzeugen durch Bagdad. Die Sicherheitslage nennt der irakische Außenminister bei einer Pressekonferenz zwar „exzellent“, auch Heiko Maas spricht von einer eindeutigen Verbesserung. Dennoch ist die Stadt voll mit Checkpoints und Sicherheitskräften. Zusammenzubleiben wird da zur echten Herausforderung. Mit mir unterwegs ist Kameramann Tom Kahmann, der auch die Beiträge schneidet und überspielt. Eigentlich sollte es so sein, wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel.

Wo immer der Außenminister ankommt, sollte Tom schon drehbereit stehen. Deshalb gehört er auch zu den ersten, die aus dem Flugzeug aussteigen. Doch in Bagdad will das nicht so recht klappen. Unserem Minibus fehlen ein paar PS, schnell entschwindet der Wagen mit dem Minister in der Ferne. Die sogenannten Auftaktbilder vor dem Treffen mit dem Außenminister gibt es diesmal nicht.

Nach diesem Termin verlieren wir noch einmal den Anschluss und stehen plötzlich am Rande einer Hauptstraße – eine gute Stunde lang. Die Kolleginnen und Kollegen holen die Laptops raus und schreiben ihre Text im Bus. Hörfunk-Korrespondent Daniel Pokraka spricht draußen auf dem Bürgersteig seinen Text ein.

Änderungen jederzeit möglich

Fernseh-Beiträge zu produzieren ist unter diesen Umständen nicht ganz einfach. Entsprechend vorsichtig machen wir die Angebote an die Tagesschau-Redaktion in Hamburg. Jeden Abend schicke ich eine kleine Übersicht, was am nächsten Tag – in der Theorie – passieren soll, immer verbunden mit dem Hinweis auf den kleinen aber wichtigen Vermerk im Presseprogramm: „Änderungen jederzeit möglich!“

In der Luft kommt bei Ministerreisen häufig die sogenannte Weiße Flotte der Flugbereitschaft zum Einsatz. Das sind frühere Linienmaschinen, die für diese Zwecke umgebaut wurden. Dazu zählt auch der A340 „Konrad Adenauer“, mit dem die Bundeskanzlerin neulich eigentlich zum G20-Gipfel nach Buenos Aires fliegen wollte. Von Kuwait in den Irak fliegen wir allerdings mit der Transall. Dieses Transportflugzeug hat die Bundeswehr 1968 übernommen.

Passagiermaschinen sind in Economy-, Business- und First Class aufgeteilt. In der Transall dagegen gibt es sehr warme Bereiche und solche, wo es empfindlich kalt wird. Ohrenbetäubend laut ist es im gesamten Innenraum. Hier die Sprachaufnahme für einen Fernsehbeitrag zu machen, ist eine unmögliche Mission.

Genau deshalb ist unsere Rückfahrt vom Mor-Mattai-Kloster zum Flughafen ein Rennen gegen die Uhr. Unser Film für die Tagesschau muss nach Hamburg verschickt sein, bevor sich die Ladeklappe der Transall schließt. Danach ist für drei Stunden Sendepause.

Der gepanzerte Wagen rumpelt den Berg herunter. Die Stöße durch Schlaglöcher schütteln uns durch. Tom Kahrmann sitzt mit seinem Laptop auf der Rückbank, ich neben ihm. Zusammen hören wir uns das Interview mit Heiko Maas an, dass wir vor der Abfahrt im Kloster geführt haben und suchen eine Passage für den Film aus. Ich schreibe den Text, Tom sucht die Bilder aus. Immer wieder sprechen wir uns kurz ab. Am Ende muss beides eine Einheit bilden. Normalerweise würde ich mich auch regelmäßig mit der Tagesschau-Redaktion in Hamburg absprechen. Dafür ist heute allerdings keine Zeit.

Beitrag gesendet

Die nächste Herausforderung: die Sprachaufnahme im fahrenden Auto. Zu allem Überfluss stürzt die Software ab. Also Plan B: Ich lese den Text, ohne den Film zu sehen. Tom bastelt das Ganze danach zusammen. Frage an den Fahrer: „Wie lange noch bis zum Flughafen?“ – „Etwa 20 Minuten.“ Im Wagen haben wir einen Internet-Hotspot. Über den schicken wir den Film weg. Am Flughafen – die Beladung der Transall ist in den letzten Zügen – schicken wir noch eine kleine Korrektur hinterher und steigen ein.

Drei Stunden später. Ladung auf der Muwaffaq Salti Air Base in Jordanien. Ein Blick in die Tagesschau-App zeigt: Beitrag gesendet. Bevor es zurück nach Deutschland geht, trifft der Außenminister noch Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Auf den Tischen steht Christstollen. Der schmeckt nach dieser abenteuerlichen Produktion besonders gut.

Zuletzt aktualisiert: 17.01.2019, 06:17:32