Was Flüchtlinge in libyschen Lagern erleben müssen

Gepostet am 15.08.2018 um 17:18 Uhr

Kann Libyen ein Partner bei der Eindämmung illegaler Migration sein? Die Hilfsorganisationen „SOS Mediterranée“ und „Ärzte ohne Grenzen“ haben da Zweifel. Von Volker Schwenck.

Es gibt eine rote Linie für die Helfer an Bord der „Aquarius“, sagt Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS Mediterranée: Sie würden niemals aus Seenot gerettete Migranten zurück nach Libyen bringen. Das Land sei für Flüchtlinge einfach nicht sicher.

Die medizinische Versorgung der Geretteten an Bord der Aquarius übernehmen die „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF). „In Libyen riskieren Migranten, gegen ihren Willen festgehalten zu werden,“ sagt Florian Westphal von MSF.

Furchtbare Erlebnisse

Häufig bleibt es nicht beim Festhalten. Gerettete berichten den Helfern von furchtbaren Erlebnissen. Eine Frau aus Westafrika sei mehr als zwei Jahre in Libyen festgehalten und mehrfach vergewaltigt worden.

Ein junger Mann aus Eritrea habe zuhause anrufen müssen, um die Eltern um Geld zu bitten, damit er aus der Haft  freikommt – um der Forderung Nachdruck zu verleihen, sollen seine Peiniger ihm während des Anrufs beide Hände verbrannt haben – die von MSF festgestellten Wunden an seinen Händen passten zu dieser Erzählung. Ein 16jähriger erzählte, er sei auf einem Markt  in Libyen versteigert worden wie ein Sklave, sechs Monate musste er auf einer Farm Zwangsarbeit leisten.

Zu wenig Essen

Die Liste der Gräuel ließe sich fortsetzen. Die geschilderten Grausamkeiten geschehen häufig in Camps, in denen Migranten illegal festgehalten werden. Auf ihrem weiten Weg an die libysche Mittelmeerküste sind Flüchtlinge Freiwild für alle Arten von Kriminellen.

MSF besucht regelmäßig offizielle Lager, in denen Flüchtlinge festgehalten werden – in die Camps der Kriminellen hat die Organisation keinen Zutritt. Aber auch die offiziellen „Detention Center“ sind häufig heillos überfüllt, mit schlechten sanitären Bedingungen und oft zu wenig Nahrung. Bei den 141 Migranten, die jetzt in Malta von Bord der „Aquarius“  gehen durften, waren etliche mangelernährt, so MSF: Es gibt im Lager einfach zu wenig Essen.

Ein gescheiterter Staat

Libyen ist ein im Grunde seit Jahren gescheiterter Staat. Die Zentralregierung ist nach wie vor schwach, kann sich nicht einmal in der Hauptstadt Tripolis gegen Milizen durchsetzen. Ost- und Westlibyen sind politisch und ideologisch gespalten und machen sich immer wieder die Kontrolle über die Ölhäfen, die lebenswichtige Devisenquelle des Landes, streitig.

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Libyen, denn „die staatlichen Sicherheitsorgane können keinen ausreichenden Schutz garantieren. Bewaffnete Gruppen mit zum Teil unklarer Zugehörigkeit treten häufig als Vertreter der öffentlichen Ordnung auf, sind jedoch nicht ausgebildet und wenig berechenbar.“ Der Staat funktioniert einfach nicht.

Eine rote Linie

Die libysche Küstenwache soll mit EU-Geld und italienischer Hilfe aufgebaut werden. Schon heute übernehmen die Libyer immer mehr Migranten auf See und bringen sie zurück nach Libyen. Viele Flüchtlinge hält das nicht von einem erneuten Versuch ab, aber zunächst müssen sie erst wieder eine unbestimmte Zeit in einem Libyschen Lager überstehen.

Seit Ende Juni ist die libysche Küstenwache als offizielle Seenotrettungsstelle anerkannt, so MSF. Die „Aquarius“ habe die Libyer auch jüngst über die Rettung der 141 Migranten informiert. Die libysche Seenotleitstelle hätte beide Schiffe als ihre Fälle anerkannt, aber keinen sicheren Hafen bereitstellen können.

Bei MSF und SOS Mediterranée hat man große Zweifel, ob die libysche Leitstelle wirklich schon in der Lage ist, die Seenotrettung im Mittelmeer zu organisieren. Aber so oder so: MSF erkennt libysche Häfen ohnehin nicht als sicher an und würde keinen libyschen Hafen anlaufen. Es sei eben eine rote Linie.

Zuletzt aktualisiert: 16.10.2018, 23:25:46