Die Wirtschaft boomt und trotzdem sind Viele unzufrieden. Quelle: imago/Hannelore Förster

Warum wählen die Menschen rechts außen bei bester Wirtschaftlage?

Gepostet am 28.09.2017 um 17:51 Uhr

Der deutschen Wirtschaft geht es gut: mehr Beschäftigung, niedrigere Arbeitslosigkeit. Trotzdem sind Viele unzufrieden und wenden sich der AfD zu. Woran das liegt, kommentiert Torsten Huhn.

Der nächste Bundesfinanzminister kann sich freuen – seine Kassen sind voll. Deutschlands Wirtschaft steht gut da. Sie wächst stärker als erwartet, die Beschäftigung nimmt zu, die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Preise steigen kaum und die Kassenlage des Staates ist ausgezeichnet. Das schreiben führende Wirtschaftsexperten in ihrem Herbstgutachten.

Trotzdem ist eine große Zahl von Menschen unzufrieden – abzulesen am Ergebnis der Bundestagswahl: Zum ersten Mal hat es eine weit rechts stehende Partei in den Bundestag geschafft.

Wie passen beste Wirtschaftslage und unzufriedene WählerInnen zusammen?

Wie passt das zusammen – eine stabile politische Lage, eine gute wirtschaftliche Entwicklung – und dann so viele unzufriedene Wählerinnen und Wähler? Die Antwort lautet: Es geht den Menschen gar nicht so sehr um ihre wirtschaftliche Situation. Durch Befragungen kurz vor der Wahl wissen wir, dass AfD-Wähler vor allem die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ablehnen. 55 Prozent der Befragten sind mit dieser Politik der Kanzlerin unzufrieden. Sie haben Sorge, dass sich das Land zu sehr verändern könnte. Die Meinungsforscher sprechen daher nicht von einem sozialen Konflikt, sondern von einer „kulturellen Konfliktlinie“. Infratest hat herausgefunden, dass viele Menschen wegen der Flüchtlinge ein Auseinanderdriften der Gesellschaft befürchten.

Fast jeder zweite sagt, dass die AfD besser als andere Parteien versteht, dass sich viele Menschen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Und sie finden, dass die Bundeskanzlerin ihre Sorgen nicht ernst genug nimmt.

Die Unzufriedenen werden wütender, auch wegen der AfD
Die AfD hat diese Menschen mit ihren Ängsten und ihrer Wut gerne aufgenommen. Durch geschickte Rhetorik facht sie die Stimmung der Unzufriedenen an, so dass deren Wut auf die Politik noch heftiger wird.
Die Flüchtlingspolitk der Bundesregierung seit dem Herbst 2015 hat viele Menschen überfordert. Vor allem Ostdeutsche standen den fremden Flüchtlingen skeptisch, ängstlich und auch ablehnend gegenüber. Die Toleranz der Ostdeutschen gegenüber Fremden wurde überstrapaziert, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber es geht nicht nur um Ostdeutschland – auch in Bayern, einem der wohlhabendsten Bundesländer, hat die AfD viele Stimmen bekommen. In Niederbayern wurde sie gar stärkste Partei.

Die etablierten Parteien müssen mit dieser Situation erst mal umgehen. Im Bundestag sollten sie der AfD hart, aber sachlich entgegentreten. Beschimpfungen sind das falsche Mittel. Mit den Anhängern dieser extremen Partei müssen wir alle reden und auch zuhören – so oft und soweit es geht. Ich gebe zu, dass das schwer fällt angesichts des Hasses, den manche ausstrahlen. Aber wir dürfen nicht die Hoffnung aufgeben, auch diese Menschen wieder mehr in die Mitte unserer toleranten Gesellschaft ziehen zu können.

Zuletzt aktualisiert: 18.11.2017, 09:18:15