Vorgeburtliche Bluttests – wie weit soll man gehen?

Gepostet am 12.10.2018 um 17:55 Uhr

von Ruth Kirchner, RBB

Eine Gruppe Abgeordneter fordert eine Ethikdebatte im Bundestag über vorgeburtliche Bluttests. Am Freitag stellten die Parlamentarier von Union, SPD, FDP, Linken und Grünen dazu ein gemeinsames Positionspapier vor. Konkret geht es um einen Bluttest auf Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt, und die Frage, ob dieser Test künftig von den Krankenkassen bezahlt werden soll.

In der Debatte um Pränatal-Tests fallen zwei Dinge zusammen: Medizinisch-wissenschaftliche Fragen und ethisch-moralische. Was die medizinische Seite angeht, ist für mich klar: Ja, die Krankenkassen sollten die Kosten für pränatale Bluttests auf Trisomie 21 übernehmen. Allerdings, und das ist eine wichtige Einschränkung, nur in den Fällen, in denen Frauen auch jetzt schon Anspruch auf einen Chromosomentest haben. Also, etwa bei einer Risikoschwangerschaft.

Bessere Möglichkeiten für Gutverdiener?

Denn die seit 2012 erhältlichen Bluttests sind sicherer als die bisherigen Verfahren. Sie haben keine Nebenwirkungen und stellen kein Risiko für die schwangere Frau oder ihr ungeborenes Kind dar. Deshalb wäre es falsch, diese Tests grundsätzlich zu verdammen, sie als Kassenleistung zu verweigern und Frauen stattdessen wie bisher eine Fruchtwasseruntersuchung anzubieten – mit all den damit verbundenen Gefahren.

Ein risikoreiches Verfahren durch ein sicheres zu ersetzen, dagegen ist nichts einzuwenden. Zumal die Tests ja längst auf dem Markt sind. Nur zahlen müssen Frauen halt bislang dafür aus eigener Tasche – egal, ob sie zu einer Risikogruppe gehören oder nicht. Das wirft noch eine ganz andere Frage auf: Wer es sich leisten kann, lässt risikofrei testen, wer kein Geld hat, dem bleibt nur die Fruchtwasserentnahme. Auch das ist nicht richtig und nicht fair.

Kein Recht auf ein perfektes Kind

Dass die Übernahme der Kosten für die Bluttests durch die Krankenkassen eine Türöffnerfunktion haben wird und dass schon bald pränatale Tests zur Regel werden – diese Gefahr sehe ich nicht. Gerade hier hat ja der Gemeinsame Bundesausschuss, der über Kassenleistungen entscheidet, wie auch der Gesetzgeber die Möglichkeit, Grenzen zu setzen und Bedingungen für die Tests zu formulieren.

Daher brauchen wir, wie von den Bundestagsabgeordneten gefordert, eine Debatte über die Pränatal-Diagnostik, ihre Möglichkeiten und Grenzen und die ethischen Fragen, die sie aufwirft. Es geht um Werte und Grundsätze, die abgewogen werden müssen. Nein, es gibt kein Recht auf ein perfektes Kind. Ja, es gibt das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Es gibt die Ängste und Sorgen von werdenden Eltern und im Einzelfall schwierige Entscheidungsprozesse für oder gegen ein Kind.

Eine Debatte ist notwendig

Darüber müssen wir sprechen. Und darüber, wie werdende Eltern beraten werden – vor und nach pränatalen Tests – und welche Hilfsangebote sie bekommen. Wie das Leben für Menschen mit Down-Syndrom und für ihre Familien aussieht. Es muss also auch um die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung gehen, um Integration und Förderung, um Vielfalt und Teilhabe.

Es muss daher beides geben: Im aktuellen Fall sichere Tests auf Trisomie 21 als Kassenleistung in bestimmten, klar definierten Fällen und die gesellschaftliche Debatte über die ethischen Fragen der Pränatal-Diagnostik.

Zuletzt aktualisiert: 22.10.2018, 18:53:35