Von der Leyen im Nord-Irak: Erste Hilfe, danach ABC-Abwehr

Gepostet am 13.02.2018 um 16:06 Uhr

Truppenbesuch der Verteidigungsministerin im Nord-Irak: Christoph Prössl beobachtete eine Ursula von der Leyen, die bei der kurdischen Presse gefragt ist, und ein Land, das sich verändert.

Else fliegt noch. Und bei Else funktioniert vor allem die Abwehr. Sollte die Transall angegriffen werden, stößt der Flieger kleine Silberstreifen aus und täuscht so die Zielerfassung, was die neue A400M noch nicht kann. Das war der Grund dafür, warum wir in Amman umsteigen mussten. Aus dem Airbus der Luftwaffe in die C-160, so der Fachbegriff für die Transall.

Von der Leyen führte in Bagdad zahlreiche politische Gespräche. Nur wenige Journalisten konnten die Ministerin bei diesen Terminen begleiten. Die anderen wurden gleich nach Erbil in den Nordirak verfrachtet: Alternativprogramm.

Besuch bei den Kollegen von Start FM. Der Radiosender wird von der Bundesregierung finanziert und soll vor allem die Menschen in Mossul und der Region erreichen. In der vergangenen Woche berichteten Journalisten aus Mossul über eine Gruppe junger Menschen, die Leichen aus den Gebäuden und unter den Trümmern bergen.

Aber es geht auch um Unterhaltung, Musik, eine Sendung für junge Leute. Suharda, Chef vom Dienst bei Start FM, sagt, es geht um das Zusammenleben, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen wieder zueinander finden.

Nicht der Schwarzwald und auch nicht Thüringen

Nein, das German Village hat wenig von der Architektur aus dem Schwarzwald oder aus Thüringen. Hier stehen schwarz-graue Container aneinander gewürfelt und über die Landschaft verteilt: Eine Trainingsstadt. Hier können Peschmerga üben, wie man Gebäude einnimmt und Häuser sichert. Die Bundeswehr bildet aus. Noch. Ein Abzug steht nicht bevor, aber die Deutschen könnten die Ausbildung bald an die Peschmerga selber übergeben. Die Debatte um ein neues Mandat und neue Aufgaben läuft.

Als wir auf eine Aussichtsplattform stiegen, kommen wir an einem „Mad-Max-Fahrzeug“ vorbei: ein umgebauter Jeep, vorne riesige Metallplatten, von innen mit Kevlar verstärkt, damit möglichst keine Kugeln den Koloss zum Halten bringen können. Eine Fensterscheibe vorne ist verstärkt, damit der Fahrer diese rollende Bombe möglichst weit in feindliche Reihen lenken und dort zur Explosion bringen kann.

Hat bei diesem Fahrzeug nicht geklappt, der Sprengstoff detonierte nicht – zum Glück. Mit solchen Fahrzeugen eroberte der IS 2014 die Stadt Mossul. Gruselig, davor zu stehen. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden hat schon angefragt, ob sie diese besondere Waffe ausstellen dürfen? Aber wie bringt man ein solches Ungetüm nach Deutschland?

Truppenbesuch: Erste Hilfe, danach ABC-Abwehr

Die Stadt Erbil wirkt wohlhabend. Geschäfte haben geöffnet, die Händler machen die Fußgängerwege vor den Läden mit Wasser sauber. Es gibt Cafés, es ist frühlingshaft warm. Doch im Hotel „Divan“ ist wenig los. Anders als 2017, als ich das letzte Mal hier war, noch vor dem Referendum über die Unabhängigkeit der kurdischen Region. Seitdem hat Bagdad den Flughafen Erbil für internationale Flüge gesperrt. Wer hierher kommen will, muss über Bagdad reisen. Disziplinierungsmaßnahme.

Von der Leyen trifft abends in Erbil ein. Sonntag steht ein Truppenbesuch auf dem Programm. Von der Leyen lässt sich den Ausbildungsstand zeigen: Peschmerga demonstrieren, wie sie Menschen nach einem Unfall erste Hilfe leisten können, danach noch ABC-Abwehr. Auch das haben die kurdischen Kämpfer gelernt.

Die Resonanz bei der kurdischen Presse ist riesig. Mindestens 30 Journalisten und Kameraleute sind gekommen. Gleich zwei Kollegen führen ihre Live-Gespräche, indem sie um den gesamten Tross herum laufen. Es ist laut. Es wird um die besten Einstellungen gerangelt. Ich lehne mich zurück: Vielleicht ist dieser Termin für die kurdische Öffentlichkeit wirklich wichtiger als für uns. Und hier ist alles sehr gut einstudiert. Potemkinsche Dörfer.

Auf die Pschmerga zugehen

Nächste Station: Ein Krankenhaus-Neubau in der Nähe von Erbil. Hier sollen Peschmerga künftig ihre Soldaten versorgen können. Deutschland hilft bei der Planung und beteiligt sich an der Finanzierung. Im November soll das Gebäude fertig sein. Von der Leyen lässt sich den Stand der Ausführungen erklären. Etwas abgeschirmt, an der Seite.

Ich spreche mit dem kurdischen Brigade-General Hazhar. Er koordiniert die Arbeit der über 70 Partner der Koalition gegen den Terror. „Interview?“ – „Klar, gerne“. Ohne Umschweife kommt er zum Punkt: Jetzt müsse die irakische Zentralregierung auf die Peschmerga zugehen. Sie hätten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Terroristen geleistet. Seit Monaten erhielten sie kein Geld mehr aus Bagdad. Die Spaltung des Landes müsse überwunden werden. Er fordert „Reconciliation“.

Die kämpfenden Einheiten – die Peschmerga und die Streitkräfte des Irak müssten wieder miteinander arbeiten. Und er flechtet in seine Argumentation viele Artikel der irakischen Verfassung ein. Ein einiger Irak – das sei Recht.

Reformen statt Ausbildung am Gewehr

Statement von der Leyen: Irgendwie ist nicht genug Platz da. Großes Gedränge. Aufregung bei den Presseoffizieren. Wo die Ministerin so hin stellen, das alle ein gutes Bild haben und den Ton abgreifen können? Da ist von der Leyen auf einmal schon da und wird laut: Erst Statement für die deutsche Presse, sagt sie, dann – mit Übersetzung für die kurdischen und irakischen Medien. Okay. Der Tross beruhigt sich.

„Es wird ein neues Mandat sein, ein Mandat, das auch eine neue Balance hat, eine Balance zwischen Bagdad und Erbil, gleichberechtigt auf beiden Seiten“, sagt die Ministerin. Längst geht es nicht mehr um die Ausbildung am Gewehr, den Häuserkampf. Künftig soll es um Reformen bei den Streitkräften gehen, Buchhaltung, Kampf gegen die Korruption, und natürlich darum, die Spaltung des Irak zu verhindern.

Zuletzt aktualisiert: 25.02.2018, 20:05:16