Völkermord an den Herero und Nama

Gepostet am 29.08.2019 um 16:41 Uhr

Entwicklungsminister Müller trifft in Namibia Vertreter der Herero. Sie fordern eine offizielle Entschuldigung von Deutschland und eine Entschädigung für den wohl ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Hintergründe von Georg Schwarte.

„Es herrscht kolonial Amnesie in Deutschland.“

Koloniale Amnesie. Professor Reinhard Kössler von der Uni Freiburg spricht von dem Vergessen des Grauens. Damals in Deutsch-Südwestafrika. Bis zu 100.000 Tote. Erschossen. Verhungert. Verdurstet. Vertrieben. Die Herero und Nama. Die Volksgruppe im heutigen Namibia. Zwischen 1904 und 1908 fast ausgelöscht im Namen des Deutschen Reiches. Es war ein Schlachten, es war ein Völkermord. Der erste Genozid im 20. Jahrhundert:

„Der Bundestag erkennt die schwere Schuld an, die deutsche Kolonialtruppen mit den Verbrechen und den Herero und Nama auf sich geladen haben und betont, dass der Vernichtungskrieg zwischen 1904 und 1908 ein Kriegsverbrechen und ein Völkermord war.“

Sagt jedoch bis heute nicht die erste Reihe der Politik. Kein Minister. Keine Kanzlerin. Kein Präsident. Es sagte der damalige Sprecher des Auswärtigen Amtes. 2015 war das. Eher beiläufig. Völkermord. Der deutsche Oberbefehlshaber Lothar von Trotha gab die Order, die zum Vernichtungsbefehl wurde, ließ die Soldaten schießen, Kinder und Frauen in die Wüste treiben. Ließ sie verdursten. Nahm Land und Vieh. Völkermord.

„Selbst die Anerkennung des Völkermordes durch die Politik ist heute im Informellen.“

Bis heute gibt es keine offizielle Entschuldigung für die Gräuel von damals. Für die koloniale Euphorie. Auf die heute die koloniale Amnesie folgte. Vergessen und verdrängt, dass Herero-Frauen einst mit Glasscherben das Fleisch ihrer toten Männer, Brüder und Söhne von den Knochen schälen mussten. Die Skelette zur Rassenforschung nach Deutschland verbracht wurden.

Eine Entschuldigung im Namen des Deutschen Volkes auch dafür – bis heute steht sie aus. 2011 verrutschte der damaligen Staatssekretärin im Auswärtigen Amt – Cornelia Pieper – die Sprache, als bei der Übergabe von Schädeln hier in Berlin Herero eine Entschuldigung einforderten:

„Ich bitte an dieser Stelle im Namen der Bundesregierung das gesamte namibische Volk um Versöhnung.“

Entschuldigung riefen sie da empört in den Saal. Drei Klagen der Herero gegen die Bundesrepublik – abgewiesen oder gescheitert. Die Letzte zuletzt im März des Jahres in New York. Die Herero und Nama wollten Reparationen, wollten mit am Tisch sitzen bei den Verhandlungen, sagt der Herero Israel Kaunatjike:

„Wir fordern keine individuelle Entschädigung. Wir wollen eine Reparation. Man muss reparieren, was man kaputtgemacht hat. Es geht um Land.“

Sie wollen ihr Land zurück. Aber Deutschland will keine Reparationen zahlen, selbst eine Entschuldigung – sagte Ruprecht Polenz – der als Namibia-Beauftragter seit 2015 über das wie und wo einer solchen Geste verhandelt, selbst eine Entschuldigung bedürfe ja der Annahme:

„Das sie erfolgen soll ist klar. Wie sie erfolgen ist Gegenstand der Gespräche mit Namibia. Denn sie soll ja auch angenommen werden. Ich habe gelernt, man kann sich gar nicht entschuldigen. Es ist an dem anderen, ob er eine Entschuldigung annimmt.“

Jetzt fährt der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller nach Namibia. Trifft heute in Windhoek Vertreter der Herero. Es gehe um ein Kennenlernen heißt es aus dem Ministerium. Um mehr nicht. Die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei Fundament für gemeinsame Zukunft sagt der Minister. Israel Kaunatjike sagt weiter, bindet uns ein, redet nicht nur mit der namibischen Regierung. Wir sind die Opfer:

„Wir müssten einfach zusammen sitzen. Dann kommen wir ein Stück weiter. Es geht um Versöhnung.“

Die aber scheint schwierig, solange Deutschland sich für den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts nicht offiziell entschuldigt hat und zur Entschädigung bereit ist.

(Von Georg Schwarte)

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2019, 01:33:17