Ein trockenes Vergnügen

Gepostet am 16.01.2020 um 02:24 Uhr

Lynchburg im US-Bundesstaat Tennessee wurde weltberühmt, als Jack Daniel 1866 begann, hier Whisky zu brennen. Das Paradox: Bis heute sitzt das Städtchen auf dem Trockenen – die Prohibition wurde hier nie abgeschafft. Von Katrin Brand.

Lynchburg im US-Bundesstaat Tennessee wurde weltberühmt, als Jack Daniel 1866 begann, hier Whisky zu brennen. Das Paradox: Bis heute sitzt das Städtchen auf dem Trockenen – die Prohibition wurde hier nie abgeschafft.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Hm, sehr gut dieser Nachtisch, Schokoladen-Toffee-Kuchen mit Schlagsahne. Aber Moment mal, in der Sahne ist doch Alkohol drin! Na klar, sagt Debbie, die Managerin von Miss Mary Bobo´s Restaurant. „Das war Fudge Pie mit Jack Daniel Schlagsahne!“ Aber, das ist hier doch ein trockenes County? Naja. „Wir dürfen damit kochen, wir dürfen bloß nicht in die Stadt gehen und ihn kaufen. Wir müssen den Alkohol nebenan in Tullahoma kaufen und dann hierher bringen. Aber es gibt kein Gesetz, das das Kochen mit Alkohol verbietet!“

Lynchburg, Tennessee, liegt etwa anderthalb Autostunden südöstlich von Nashville. Ein winziges Städtchen in einem winzigen Landkreis, in dem die Prohibition nie wirklich zu Ende gegangen ist. Was nicht weiter interessant wäre, würde nicht in Lynchburg der meistverkaufte amerikanische Whisky gemacht, Jack Daniel´s.

Heimat von Jack Daniels sitzt auf dem Trockenen

Es ist eine Kombination, die Landrätin Bonnie Lewis ziemlich lustig findet. „Wir machen hier immer den Witz, dass wir das feuchteste trockene County im Staat sind“, sagt sie mit ihrem breiten Tennessee-Akzent. Und auch Chris Flechter, Meisterbrenner bei Jack Daniel, amüsiert sich. „Ich weiß nicht, ob es nützt oder schadet. Es ist eben ungewöhnlich hier in Moore County“, sagt Chris, der hier aufgewachsen ist.

1866 begann Jack Daniel, ein körperlich kleiner, beharrlicher Unternehmer im Örtchen Lynchburg Whisky zu brennen. Die Spuren der ersten Destille sind heute noch zu sehen. Jed Lirette, ein vergnügter junger Einheimischer mit Glatze und Rauschebart, der sich als „Jack Daniel Botschafter“ vorstellt, zeigt auf die Felsen am Eingang einer Höhle am Ortsrand, aus der eine Quelle sprudelt: „Alle die schwarzen Verfärbungen, das ist Rauch und Asche, wo Jack und sein Freund George ihre Feuer angefacht haben, es ist 150 Jahre alter Rauch.“

Prohibition beginnt am 16. Januar 1920

Bald wird daraus ein erfolgreicher Betrieb, Jack’s Old No. 7 Whisky – genau der, der heute noch verkauft wird – gewinnt 1904 bei der Weltausstellung in St Louis eine Goldmedaille. Doch bevor es richtig losgehen kann, stirbt Jack an einer Blutvergiftung, und sein Neffe Lem Motlow muss das Unternehmen durch harte Zeiten führen. Am 16. Januar 1920 wird in den USA die Prohibition eingeführt, in Tennessee sogar noch etwas früher. Was bedeutet. dass in Lynchburg kein Whisky mehr produziert und verkauft werden kann. Und selbst als der Bann 1933 aufgehoben wird, dauert es noch Jahre. „Lem ist sogar irgendwann Mitglied des Senates geworden, um die entsprechenden Gesetze zu verfassen und den Staat aus der Prohibition zu bringen. Er wollte einfach wieder Whisky machen.“

Das Unternehmen Jack Daniel durfte den Betrieb in Lynchburg wieder hochfahren und expandierte – in die ganze Welt.

Die Prohibition ging in Tennessee allerdings weiter. Alle 95 Counties sind bis heute grundsätzlich trocken, das heißt, es darf weder Schnaps noch Wein verkauft werden. Die Landkreise können allerdings selbst entscheiden, wie trocken oder feucht sie wirklich sein wollen. In den Großstädten wie Memphis und Nashville ist alles erlaubt, in einigen kleinere Kreisen hingegen ist der Verkauf reglementiert.

Tennessee noch immer trocken

„Unsere Einwohner haben nie darüber abgestimmt, ob sie den Verkauf von Schnaps glasweise im Restaurant erlauben wollen oder gar einen Schnaps-Laden“, sagt Bonnie Lewis. Also blieb Moore County mit seinem Kreisstädtchen Lynchburg trocken. Kein Problem für die Einwohner, sagt Chris Fletcher:

„Wenn du zehn Meilen fährst, bis zur nächsten Stadt, und da deinen Alkohol kaufen kannst; also das hat für niemanden, den ich kenne, je ein Problem dargestellt.‘

Eine Antwort, die man hier öfter zu hören bekommt. Moore County mit seinen 6500 Einwohnern ist einfach sehr klein und zudem von Landkreisen umgeben, die alle Alkohol verkaufen und ausschenken. Das nächste Glas, die nächste Flasche, ist immer nur eine kurze Autofahrt entfernt. Und Bier, das ist eine Sonderregel, kann sowieso im Supermarkt gekauft und mit nach Hause genommen werden.

Lange Zeit nicht mal Whisky-Proben erlaubt

Chris Fletcher arbeitet bei Jack Daniel, wie die meisten Menschen hier. Fast 70 Prozent der Mitarbeiter haben wenigstens einen Verwandten im Unternehmen. Schon Chris´ Großvater, Frank Bobo, war Chef Destiller, also Meisterbrenner. Was ihn als Einwohner nicht stört, ist für die Touristen ein Problem. 300.000 Menschen kommen jährlich, um die weltberühmte Destille zu besuchen. „Wenn du früher eine Führung gemacht hast, konnten wir dich nicht mal unser Produkt probieren lassen“, sagt er.

Das hat sich inzwischen geändert. Nicht weil die Einwohner von Lynchburg das wollten, sondern weil der Staat Tennessee eine neue Regel eingeführt hat: Lokale Hersteller dürfen ihre Produkte auf ihrem Gelände verkaufen. Das heißt, Jack Daniel darf zum Probieren kleine Pröbchen ausschenken, sehr kleine Pröbchen.  

Und Jack Daniel darf einen Bottle Shop betreiben, wo ein paar Sorten Whisky angeboten werden.

„Warum haben wir nicht das Recht, zu trinken?“

Jetzt im Januar ist es eher ruhig im Besucherzentrum von Jack Daniel, ein paar Busse sind da, und Amy, Tim und Lisa, drei Touristen aus Illinois. Sie mögen den Whisky von Jack Daniel, ‚weil er so weich ist, im Vergleich zu anderen. Ich trinke ihn mit meinem Diet Dr. Pepper. Er gibt meinen Dr. Pepper Geschmack.“

Dr. Pepper ist ein beliebter Soft-Drink in den USA. Dass sie ihren Jack Daniel´s hier gar nicht trinken können, haben sie bei der Vorbereitung auf die Reise erfahren: „Ich finde das sehr interessant, dass es diesen Ort seit über 100 Jahren gibt, und das County immer noch trocken ist. Das ist eine lustige historische Tatsache.“

Aber ehrlich, sagt Tim, „warum haben wir nicht das Recht, zu trinken?“

Angst vor der Veränderung

Soweit sind sie in Moore County noch nicht. Obwohl Bonnie Lewis in ihrem winzigen Rathaus in ihrem winzigen vollgestopften Büro durchaus der Meinung ist, Erwachsene sollten auch als solche behandelt werden.

„Ich glaube nicht, dass Ihnen jemand ganz genau sagen sollte, wie Sie ihr Leben zu leben haben“, sagt sie, aber manche Leute wollten eben nicht, das sich was ändert. Sie hingegen überlegt, wie sie den kleinen Ort voran bringen kann: „Sie wollen natürlich niemals den Charme von Lynchburg verlieren, den historischen Marktplatz, und all das. Aber andere Leute hätten gerne ein paar mehr Annehmlichkeiten. Aber dazu braucht man Steuergelder und dazu braucht man Wachstum.“

Pro und Contra der Prohibition

Wenn man den Ausschank von Wein oder Cocktails erlauben würde, könnte man vielleicht ein paar mehr Restaurants anlocken, überlegt sie, und das brächte wieder ein paar Dollar mehr in die Kasse. Immerhin: Seit wenigen Monaten ist es – auf Antrag – erlaubt, den Gästen zum Essen ein Bier zu verkaufen.

Aber das ist nichts für Debbie Baxter, die Managerin von Miss Mary Bobo´s Restaurant, einer Traditionsgaststätte in Lynchburg. Wir sind ein Familienrestaurant, sagt sie, und außerdem wäre es nicht im Sinne der Gründerin Miss Mary Bobo: „Sie hat nicht getrunken, und deshalb wäre es nicht fair ihr gegenüber, hier Alkohol zu servieren.“ 

Und auch sonst ist sie ganz zufrieden, in ihrem schrulligen kleinen Lynchburg: „Wenn wir jemals ‚feucht‘ würden, dann würde es das ganze Gefühl unsere Gäste verändern. Weil es so einzigartig ist, hier zu sein und hier zu leben. Weil wir den Whisky machen, der in die ganze Welt geht, und hier kannst du ihn nicht kaufen.“

Zuletzt aktualisiert: 27.01.2020, 04:01:56