Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime Deutschland/Quelle: ZMD

“Unsere Verfassung kennt keine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat“

Gepostet am 16.06.2017 um 14:44 Uhr

Die ARD-Themenwoche “Woran glaubst du?” stellt das Thema Glauben in den Mittelpunkt. Wir haben bei den beiden Berliner Bischöfen sowie den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden und der Muslime nachgefragt. Heute im Interview: Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Aiman Mazyek wurde 1969 in Aachen geboren. Seit 2010 ist er Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der etwa 1o.000 bis 20.000 der insgesamt 4 Millionen Muslime in Deutschland vertritt.

Woran glauben Sie?

Ich glaube an den einen Gott, der die Welt erschaffen hat, der unendlich ist und in sich immerwährend und der das Universum einschließlich der Menschen erschaffen hat. Im Koran steht: „Gott ist uns näher als unsere eigene Halsschlagader“.

Warum ist der Glaube auch heute noch wichtig?

Ich sehe in unserer heutigen Zeit in dieser Frage keine Exklusivität. Es ist dasselbe wie eh und je: In den Geschichten der Thora, der Evangelien und schließlich im Koran wird der Kreislauf beschrieben. Es gab immer wieder Zeiten, in denen sich Gesellschaften, die religiös waren, von Gott abgewandt haben und umgekehrt. Das Spannende ist heute, dass wir einen Staat haben, der es erlaubt, religiös oder aber nicht-religiös zu leben. Religion und Glaube geben jedoch Richtung und Halt, daran zweifeln selbst die Atheisten nicht.

Haben Sie selbst schon an Allah gezweifelt oder sind vom Glauben abgefallen?

Von Verzweiflung würde ich nicht sprechen aber von schweren Prüfungen, wenn man beispielsweise Schicksalsschläge selbst erlebt oder bei Nahestehenden miterlebt. Ich weiß nicht, ob das eine Frage der Tiefe des Glaubens ist. Zu allem, was ihm widerfährt, sagt ein Muslim: „Das ist so bestimmt. Ich muss damit auf beste Weise kämpfen, umgehen oder ich hadere damit nicht.“ Im Islam begreift man es letztlich als Prüfung, denn am Ende macht uns ein Schicksalsschlag stärker. Das liegt auch in der Weisheit Gottes. In einem Ausspruch des Propheten heißt es: „Derjenige, der von Gott geliebt wird, den prüft er.“

Mit Blick auf die Bundestagswahl im September: Was braucht es aus Ihrer Sicht? Mehr Zusammenarbeit von Politik und Konfessionen oder mehr Trennung von Kirche und Staat?

Unsere Verfassung kennt keine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Wir sind aber ja auch kein Gottesstaat. Wir leben mit dem kooperativen System in Deutschland ganz gut. Allerdings gibt es für Muslime Einschränkungen, wir sind bisher den Kirchen nicht gleichgestellt. Aus verfassungsrechtlicher Perspektive ist der Prozess, der uns an diesem System teilhaben lässt, noch nicht abgeschlossen. Angefangen mit den Staatsverträgen in nur wenigen Bundesländern,  wird unsere Religionsgemeinschaft nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt. Die Politik fordert zu Recht, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden. Aber das braucht strukturelle und finanzielle Unterstützung, dazu höre ich kaum Vorschläge. Die Moschee-Vereine in Deutschland finanzieren sich weitgehend selbst. Projektbezogen bekommen wir ein bisschen. Institutionell sind wir aber längst noch nicht an die Verhältnisse angedockt, wie wir sie von Christen oder Juden kennen.

 

Sie wollen wissen, wie ein Vertreter einer anderen Glaubensrichtung die Fragen beantwortet? Lesen Sie hier unser Interview mit Heiner Koch, dem katholischen Erzbischof von Berlin.

Zuletzt aktualisiert: 18.12.2017, 08:14:02