Wieder geschwisterlich

Gepostet am 05.01.2019 um 15:57 Uhr

Auch wenn es bislang nur um Symbolik geht: CDU und CSU können wieder nett zueinander sein. Dass dazu auch ein Stück Verdrängung beiträgt, ist zweitrangig, meint Achim Wendler.

Auch wenn es bislang nur um Symbolik geht: CDU und CSU können wieder nett zueinander sein. Dass dazu auch ein Stück Verdrängung beiträgt, ist zweitrangig.

Ein Kommentar von Achim Wendler, ARD-Hauptstadtstudio, zurzeit Seeon

Im Kloster Seeon ist viel Gutes entstanden. Mozart komponierte Musik, ein Unternehmer produzierte Polstermöbel, das Gebäudeensemble war Lazarett und Flüchtlingslager. Nun fließt ein neues Kapitel in die Klostergeschichte ein: der Friede von Seeon.

Was CSU und CDU jahrelang vergeblich versucht haben, ist im tief verschneiten Chiemgau allem Anschein nach gelungen. Sie sind wieder eine Union. Sie sind entschlossen, wieder miteinander zu arbeiten.

Seit ihrem Zerwürfnis im Jahr 2015 haben sie bestenfalls nebeneinander gearbeitet, oft gegeneinander. Versöhnungsanläufe gab es manche. In Kreuth, in Potsdam, im Konrad-Adenauer-Haus rangen die Parteispitzen miteinander. Anschließend gaukelten Angela Merkel und Horst Seehofer gern Versöhnung vor, sich selbst wie der Öffentlichkeit. Sie scheiterten. Und bezahlten beide mit dem Parteivorsitz.

Zwei Faktoren für den Wandel

Damit ist die wichtigste Voraussetzung für wirklichen Frieden erfüllt: neues Personal. Markus Söder, Alexander Dobrindt und Annegret Kramp-Karrenbauer begegnen einander ohne zwischenmenschliche Altlasten. Sie haben keinen Grund, einander mehr zu misstrauen, als in der Politik üblich und nötig.

Erfüllt ist auch die zweite Voraussetzung: Die Neuen wollen wirklich zusammenarbeiten. Merkel hat insgesamt nur zwei Winterklausuren der CSU besucht. Kramp-Karrenbauer kommt schon nach Bayern, bevor ihr erster Monat als CDU-Chefin vorbei ist. Der CSU zuliebe hat sie ihren Urlaub daheim im Saarland unterbrochen, der CSU zuliebe lässt sie sich vom Gastgeber Dobrindt zu einem Hintergrund mit Journalisten schleifen und übernachtet sogar in Seeon.

Klar, alles noch keine Beschlüsse, nur Nettigkeiten. Aber so funktioniert Politik! Und Merkel und Seehofer waren nicht mal mehr zu Nettigkeiten in der Lage.

Verdrängung als Erfolg

Bleibt die Frage nach den Inhalten. Was passiert, wenn irgendwann wieder mehr als 220.000 Flüchtlinge nach Deutschland drängen? Ist die Union jetzt Mitte, wie die CDU will? Oder Mitte-Rechts, wie Dobrindt will? Alles ungeklärt. Und erst einmal egal. Denn auch gemeinsame Verdrängung ist ein gemeinsamer Erfolg.

CDU und CSU sind wieder eine Union. Es ist nicht mehr seltsam, dass sie in bundesweiten Umfragen in Form eines einzigen schwarzen Balkens abgebildet werden.

Zuletzt aktualisiert: 22.09.2019, 18:15:33