SPD-Parteivorsitzender Martin Schulz mit dem niedersächsischen Wahlsieger Stephan Weil. Foto: imago/foto2press

Überlebt – aber nicht viel mehr, SPD!

Gepostet am 16.10.2017 um 13:43 Uhr

Die SPD weiß nicht wohin. Sie braucht einen klaren Kurs und darf nach dem niedersächsischen Sieg jetzt bloß nicht übermütig werden, kommentiert Angela Ulrich.

Sie leben noch! Oder: Bei der SPD brennt ja noch Licht! So stichelnd waren die ersten Kommentare über die endlich mal wieder jubelnden Sozialdemokraten überschrieben. Aber auch so wahr. Denn Stephan Weil hat in Niedersachsen einen Sieg für eine SPD eingefahren, die bundesweit am Boden liegt. Die siecht. Und genau deshalb alles tun darf – nur nicht übermütig werden. Denn die nötige Erneuerung mal kurzerhand zu verschieben, und dann zu begraben – darin sind die Sozialdemokraten groß. Was sie aber immer kleiner gemacht hat.

Dass Martin Schulz und Hubertus Heil bisher ungewohnt demütig auftreten, ist ein gutes Zeichen. Soll heißen: Wir haben verstanden! Und wollen uns nicht schon wieder auf die Schultern klopfen. Denn selbst in Niedersachsen, wo Amtsinhaber Stephan Weil mit eigener Popularität punkten konnte, hat die Partei vor allem bei den Alten gewonnen, und bei den Jungen leicht verloren. Was helfen da zig-tausende häufig junge Neumitglieder? Wenn sich das offenbar bisher nicht in eine jugendliche Aufbruchsstimmung gewandelt hat? Wenn ein Parteichef die nicht hin bekommt?

Die SPD in Niedersachsen hat zwar Nichtwähler locken können – gut! – aber selbst hier mit ihrem Markenkern, soziale Gerechtigkeit – kaum jemanden hinterm Ofen hervorgeholt.
Das alles zeigt: die SPD, mindestens auf Bundesebene, weiß nicht wohin. Und ihr 100-Prozent-Chef, Martin Schulz, hat bisher auch noch keine Hinweise gegeben, dass er dazu eine eigene Idee hat. Nach links? Mittig? Kleine Leute verstehen? Digitale Zukunft suchen? Da muss endlich ein klarer Kurs her, nicht ein „mal hier mal da“, wie es Sigmar Gabriel so gut konnte. Und Martin Schulz es hat mit sich geschehen lassen im Wahlkampf.

Die nächsten Wochen sind entscheidend für den SPD-Chef. Kann er den Schwung aus Hannover nutzen und als ideenreicher, starker Chef punkten? Dann hätte Schulz reale Chancen, auch nach dem Parteitag im Dezember noch an der Spitze der Erneuerungsbewegung der Genossen zu stehen. Aber nur dann. Wenn er jetzt wankt und schwankt wird die angebliche Beliebtheit an der Basis, die Nahbarkeit, zu nichts führen. Denn am Ende schätzen Wähler Ideen und Charisma doch mehr, als kumpelhaftes Mitgefühl.

Zuletzt aktualisiert: 10.12.2019, 09:44:57