Türkisch-Deutsches Herz

Gepostet am 21.04.2017 um 12:58 Uhr

Die Diskussion um den Doppelpass betrifft vor allem Deutsch-Türken. Doch einen Pass wegnehmen – das ändert für Migranten nichts am Gefühl, kein vollwertiger Bürger zu sein, kommentiert Julia Barth.

Hand aufs Herz – würden wir die Diskussion um den Doppelpass führen, wären es nicht die Türken, die in Deutschland den größten Anteil an nicht-europäischen Doppelstaatlern ausmachen? Wären die Kritiker der doppelten Staatsbürgerschaft ebenso hinterher, die Optionspflicht in Deutschland wieder einzuführen, wenn wir dabei mehrheitlich über US-Bürger oder Kanadier reden würden?

Ich bin überzeugt, dass nein. Und dass der Grund, warum etwa in der Union die doppelte Staatsbürgerschaft so laut in Frage gestellt wird, der ist, dass vielen eben gerade das mit dem türkisch-deutschen Doppelpass nicht passt. Und das macht die ganze traurige Dimension dieser Debatte deutlich.

Die Doppelpass-Diskussion betrifft vor allem Deutsch-Türken

Denn erstens gibt es in Deutschland qua Gesetz keine doppelte Staatsbürgerschaft. Wer Deutscher werden will, muss seinen Herkunftspass abgeben. Es gibt lediglich Ausnahmen. Für alle EU-Bürger zum Beispiel oder für Menschen aus Ländern, die ihre Bürger gar nicht oder nur unter widrigsten Umständen aus der Staatsangehörigkeit entlassen.

In Frage gestellt wird gerade aber nur die Ausnahme, die seit 2014 gilt. Sie besagt, dass Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sich als Erwachsene nicht mehr für eine der beiden Nationalitäten entscheiden müssen, sondern beide Pässe behalten dürfen. Und das betrifft in Deutschland eben mehrheitlich Deutsch-Türken.

Deutschland ist ihr Zuhause

Sind sie deshalb schlechter integriert, weil sie noch eine andere Nationalität haben? Ich glaube nein. Können sie sich weniger zu den deutschen Werten bekennen, weil sie auch noch die Werte eines anderen Landes im Herzen und in der Tasche tragen? Sicherlich nicht! Für diese Menschen ist Deutschland ihr zu Hause.

Sollten sie das nicht so fühlen, ist das ein Integrationsproblem, das gelöst werden muss. Aber doch bestimmt nicht damit gelöst werden kann, dass diese Menschen ihren zweiten Pass abgeben. Ein Pass, der für sie im Zweifel eine Verbindung in die Heimat bedeutet, die ein Zuhause nun mal nicht zwangsläufig ersetzen muss. Ein Pass, der für sie vielleicht auch einfach nur bedeutet, dass sie ohne größere Probleme in diese Heimat reisen und ihre Familie besuchen können. Nicht als Tourist, sondern als Bürger, der aus diesem Land stammt.

Viele Migranten plagt ein Dazwischen-Gefühl

Das Dazwischen-Gefühl, das viele Migranten plagt, hat doch nichts mit der Entscheidungsunfreudigkeit für einen von zwei Pässen zu tun. Das Dazwischen-Gefühl hat etwas damit zu tun, dass man hier wie dort nicht als vollwertiger Landsmann akzeptiert wird, dass manche hier wie dort nicht wirklich dazu gehören oder dazugehören wollen. Menschen deshalb zu verbieten, qua Pass ihre Heimat einerseits und ihr zu Hause andererseits mit sich zu tragen, ändert an den zwei Herzen, die da in der Brust dieser Menschen schlagen, rein gar nichts.

Zuletzt aktualisiert: 20.11.2017, 18:08:39