Nach Deutschland wegen Erdogan

Gepostet am 08.04.2017 um 20:01 Uhr

Mehr als 100.000 Staatsdiener sind von der Säuberungswelle in der Türkei betroffen, die Präsident Erdogan nach dem Putschversuch initiiert hatte. Immer mehr Diplomaten, Wissenschaftler und Offiziere fliehen deshalb aus dem Land – auch nach Deutschland. Von Robin Lautenbach.

Mehr als 100.000 Staatsdiener sind von der Säuberungswelle in der Türkei betroffen, die Präsident Erdogan nach dem Putschversuch initiiert hatte. Immer mehr Diplomaten, Wissenschaftler und Offiziere fliehen deshalb aus dem Land – auch nach Deutschland.

Von Robin Lautenbach, ARD-Hauptstadtstudio

Das war eine etwas andere Flucht nach Europa: Murat G. ist ein hochrangiger Diplomat im Dienste des türkischen Außenministeriums. Er sieht sich selbst als loyalen Diener seines Staates. Doch am Tag nach dem versuchten Militärputsch steht sein Name auf einer Liste mit vielen Tausend Namen, alles Beamte und Diplomaten wie er. Alle sollen, so die Propaganda der Regierung, Terroristen oder Terrorhelfer sein.

Murat G. – was nicht sein richtiger Name ist – bekommt Angst, schickt seine Familie aufs Land. In Izmir vertraut er sich Schleppern an, fährt mit 33 anderen Flüchtlingen über die Ägäis zu einer griechischen Insel. Die anderen kommen aus Syrien, Afghanistan, aus Afrika. Noch hat er seinen Diplomatenpass, er kann – anders als andere Flüchtlinge – von Griechenland weiterfliegen nach Deutschland. Dort stellt er einen Asylantrag.

Gülen-Anhänger, aber staatstreu

“Ja, ich bin ein Anhänger der Gülen-Bewegung”, sagt er. “Aber ich habe mich immer an die Gesetze gehalten – im Gegensatz zum Regime Erdogans.” Schon vor dem Putschversuch war er mit 300 anderen hohen Regierungsbeamten in einem besonderen Gebäude isoliert worden, man gab ihnen monatelang keine Beschäftigung. Unter den 300, erzählt er, waren auch viele Linke oder Kemalisten oder auch Kurden. Er selbst lehne den politischen Islam ab.

262 frühere türkische Diplomaten und Familienangehörige suchen inzwischen Schutz in Deutschland. Auch viele hochrangige türkische Offiziere, die in NATO-Stäben in Europa arbeiteten, ignorierten den Befehl zur Heimkehr, suchen Asyl in Deutschland.

Hilfe für verfolgte Wissenschaftler

Von Erdogan verfolgt werden auch Tausende von Wissenschaftlern. Ein halbes Jahr vor dem Putsch appellierten 1100 türkische Wissenschaftler an Erdogan, nicht militärisch gegen die Kurden in der Türkei vorzugehen. Die Reaktion kam prompt: Hunderte verloren ihre Jobs an den Hochschulen.

In Deutschland gibt es die Philipp-Schwartz Initiative für verfolgte Wissenschaftler. Sie hilft inzwischen vor allem türkischen Forschern, gibt ihnen Stipendien an deutschen Universitäten. So können diese Wissenschaftler zunächst ein oder zwei Jahre weiter arbeiten. Sie müssen nicht Asyl beantragen.

Die Anthropologin Pinar Senoguz, jetzt an der Universität Göttingen, hofft auf eine Niederlage Erdogans beim Referendum: “Eine Niederlage würde bedeuten, dass trotz aller Repression die gesellschaftliche Opposition widerstandsfähig ist, dass die Leute nicht mehr von der Angst beherrscht sein wollen. Das wäre ein gutes Zeichen, aber es wird alles nicht leicht werden”.

Türkei als sicherer Hafen für von Nazis verfolgte Forscher

Deutschland hilft verfolgten Türken, auch weil es schon einmal andersherum war. Philipp Schwartz, der Namensgeber der Stipendien, war ein deutsch-jüdischer Forscher, der vor den Nazis floh und in der Türkei eine Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Exil gründen konnte.

Positive Asylbescheide wahrscheinlich

Noch ist keiner der Asylanträge der türkischen Diplomaten entschieden worden. Doch die ersten Bescheide könnten bald kommen, heißt es in Regierungskreisen. Im neuesten, vertraulichen Lagebericht des Auswärtigen Amtes zur Türkei wird ein düsteres Bild der Demokratie und der Menschenrechtslage gezeichnet. Dieser Bericht wird vom Bundesamt für Migration bei den Asylentscheidungen zugrunde gelegt. Positive Asylentscheide für türkische Diplomaten sind zu erwarten.

Weitere anti-deutsche Wutausbrüche von Erdogan sind dann gewiss unausweichlich.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie im Ersten am Sonntag um 18.30 Uhr im “Bericht aus Berlin”.

Über dieses Thema berichtet der Bericht aus Berlin am 09. April 2017 um 18:30 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 15.12.2017, 03:30:49