In 140 Zeichen zur Weltkrise?

Gepostet am 14.01.2017 um 17:13 Uhr

Ob “Nazi-Deutschland” oder “China stiehlt” – Donald Trumps Twitter-Exzesse machen Experten ratlos. In Berlin halten ihn manche inzwischen für einen Soziopathen. Sind außenpolitische Krisen künftig nur noch 140 Zeichen entfernt? Von Arnd Henze.

Ob “Nazi-Deutschland” oder “China stiehlt” – Donald Trumps Twitter-Exzesse machen Experten ratlos. In Berlin halten ihn manche inzwischen für einen Soziopathen. Sind außenpolitische Krisen künftig nur noch 140 Zeichen entfernt?

Von Arnd Henze, ARD-Hauptstadtstudio

Er schimpft auf China, Mexiko und Barack Obama, droht Nordkorea und dem Iran, preist Wladimir Putin und kündigt eine neue Phase nuklearer Rüstung an – und das alles in 140 Zeichen.

Jeder Tweet, jeder Satz in der denkwürdigen Pressekonferenz in New York belegt: Wo Trump drauf steht, ist auch Trump drin. Mit jedem Selbstlob, mit jeder Attacke gegen andere erschließt sich der Kosmos des Mannes, der demnächst an der Spitze der größten Militär- und Wirtschaftsmacht der Welt steht: “Für ihn geht es nicht um America First, sondern immer nur um Trump First”, stöhnt ein erfahrener Diplomat in Berlin. Hinter vorgehaltener Hand bezeichnet mancher sonst eher zurückhaltende Außenpolitiker den New Yorker (Ex)-Geschäftsmann gar als Soziopathen.

Bericht aus Berlin: Tina Hassel

TV-Tipp

Trumps Präsidentschaft und die Lage der SPD

Im Bericht aus Berlin spricht Tina Hassel mit dem scheidenden US-Botschafter in Deutschland über die Erwartungen an eine Präsidentschaft Trumps und mit Thomas Oppermann, SPD-Fraktionsvorsitzender, über den anstehenden Bundestagswahlkampf. | mehr

“Trump hat seinen Stil gefunden”

Nach außen verbreitet die Bundesregierung demonstrative Gelassenheit. Jeder Präsident brauche Zeit, um seinen eigenen Stil zu finden und zu prägen, meint Außenminister Frank-Walter Steinmeier: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf Dauer über Twitter-Meldungen geht.” 

Andere Experten halten es dagegen für  Wunschdenken, dass sich Trump je für ausformulierte Konzepte interessieren werde. “Dieser Präsident muss seinen Stil nicht mehr finden. Das ist sein Stil – und auf den werden wir uns einstellen müssen”, meint Jana Puglierin von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Für die Außenpolitik ist das ein gefährlicher Stil: “Trump scheint gar nicht zu begreifen, dass es einen Unterschied macht, ob er Meryl Streep beleidigt oder den chinesischen Präsidenten. Bei Streep bleibt es letztlich folgenlos, gegenüber China kann es eine große internationale Krise auslösen. Denn er beleidigt nicht als Privatperson, sondern als Präsident der Weltmacht USA.”

China steals United States Navy research drone in international waters – rips it out of water and takes it to China in unprecedented act. (17.12.2016 14:57 Uhr via Twitter)

Schon warnt China vor Krieg

Sind Trumps plakative Botschaften ein Spiel mit dem Feuer? Es sei noch schlimmer, meint Jan Techau vom Aspen Institute: “Ein Kind, das mit dem Feuer spielt, weiß, dass es etwas Gefährliches und eigentlich Verbotenes tut. Trump begreift aber nicht einmal, dass er mit seinen Tiraden einen Brand auslösen kann.”

Mögliche Brandherde gebe es genug: Im Iran warten viele Hardliner nur auf eine Provokation aus Washington, um ihrerseits das auch in Teheran umstrittene Nuklearabkommen zu sabotieren. Auch im israelisch-palästinensischen Konflikt braucht es nur einen Funken, um eine neue Eskalation auszulösen. Und mit Chinas Führung ist vor allem der Streit um deren Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer hochexplosiv. Schon warnen Pekings Staatsmedien vor einem großen militärischen Konflikt mit katastrophalen Folgen.

Nur kurze Flitterwochen mit Putin?

Während der zukünftige Präsident gegenüber China auf Konfrontationskurs geht, umwirbt und umschmeichelt er Russlands starken Mann. Zwar räumt auch Trump inzwischen ein, dass die Hackerangriffe im Wahlkampf aus Russland kamen. Unbeirrt aber setzt er auf eine neue Männerfreundschaft mit Wladimir Putin: “Wenn der Putin den Trump mag, ist das doch ein Trumpf.”

Die Linkspartei sieht darin tatsächlich Chancen: “Zumindest hat er ja angekündigt, nicht mehr auf Konfrontation, sondern auf Kooperation zu setzen”, meint die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht. “Das wäre gut für den Weltfrieden, wenn er das einlösen würde.”

Viele Experten fürchten allerdings nicht nur, dass eine Annäherung zwischen Trump und Putin zu Lasten Europas ginge. Sie warnen, wie Jana Puglierin, auch davor, “dass die Flitterwochen bald in frostige Zeiten umschlagen können”. Die objektiven Interessen seien einfach zu gegensätzlich. Donald Trump aber nehme alles sehr persönlich und habe schon häufig gezeigt, dass er aus enttäuschter Liebe besonders hart zurückschlage.

Intelligence agencies should never have allowed this fake news to “leak” into the public. One last shot at me.Are we living in Nazi Germany? (11.01.2017 13:48 Uhr via Twitter)

Deutschland gibt es nur als “Nazi Germany”

Über Deutschland hatte Donald Trump seit seiner Wahl übrigens gar nicht mehr getwittert. Bis zum Mittwoch dieser Woche. Da fuhr er das ganz schwere Geschütz gegen Enthüllungen über eine mögliche Erpressbarkeit durch Russland auf: “Are we living in Nazi Germany?” 

Und weil er redet, wie er twittert, wiederholte er den Nazi-Vergleich auch gleich noch einmal in seiner Pressekonferenz. Dem deutschen Außenminister blieb da nur das Eingeständnis, das mache ihn “ratlos”. Doch das gilt nicht nur für den unsäglichen Nazi-Vergleich: Wenige Tage vor der feierlichen Amtseinführung reagieren Politiker und Experten gleichermaßen ratlos, wie sie mit einem US-Präsidenten umgehen sollen, der die Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit mit 140 Zeichen in eine Krise stürzen kann.

Mehr zum Thema sehen Sie am Sonntag, 18.30 Uhr, im “Bericht aus Berlin” im Ersten.

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2017, 23:07:39