Trisomie-Test – ethische Bedenken bleiben

Gepostet am 19.09.2019 um 18:58 Uhr

Künftig können die Kosten für Trisomie-Tests von Krankenkassen getragen werden – allerdings eher im Ausnahmefall. Die hohen Hürden wurden ganz bewusst gesetzt. Von Dagmar Pepping.

Künftig können die Kosten für Trisomie-Tests von Krankenkassen getragen werden – allerdings eher im Ausnahmefall. Die hohen Hürden wurden ganz bewusst gesetzt.

Von Dagmar Pepping, ARD-Hauptstadtstudio

Josef Hecken, der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), machte nach der Entscheidung aus seinem Herzen keine Mördergrube. Das Gremium habe sich trotz „großer ethischer Bedenken“ dafür ausgesprochen, vorgeburtliche Bluttests auf Trisomie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen.

„Die Entscheidung war deshalb schwierig, weil sie eine fundamental-ethische Grundsatzfrage unserer Gesellschaft betrifft“, so der 60-jährige CDU-Politiker, der bis 2012 beamteter Staatsekretär im Bundesfamilienministerium war.

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Unter engen Voraussetzungen

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Fruchtwasseruntersuchung invasiver als Bluttest

Das Gremium, dessen Vertreter von Kassen, Ärzten und Kliniken für alle Beteiligten im Gesundheitswesen verbindlich festlegt, welche Leistungen von gesetzlichen Kassen bezahlt werden müssen, stand laut Hecken vor folgender Frage: Führt ein minimal-invasiver Test auf Trisomie möglicherweise zu einem flächendeckenden „Screening“ in der Schwangerschaft und zu vermehrten Abtreibungen?

Gleichzeitig werde seit mehr als 30 Jahren mit Fruchtwasseruntersuchungen ein maximal-invasiver Test durch die Krankenkassen bezahlt, bei dem laut Hecken „ein bis zwei Prozent der Untersuchungen schief gehen“ und es zu Fehlgeburten kommen kann. „Dieses Risiko kann durch den neuen Test auf Null reduziert werden“, so der Jurist.

Hohe Hürden für Kostenübernahme

Bluttests auf das Down-Syndrom und andere Trisomie-Formen sind seit 2012 in Deutschland auf dem Markt. Kosten für die Schwangeren: zwischen 130 und 540 Euro, je nach Anbieter.

Damit die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen, hat der Gemeinsame Bundesausschuss nach intensiven Diskussionen enge Voraussetzungen definiert. Zum einen soll es sich um „begründete Einzelfälle“ handeln, beispielsweise eine Risikoschwangerschaft. Außerdem darf der Bluttest nur nach einer intensiven Beratung durchgeführt werden. Fällt der Test auf das Down-Syndrom (Trisomie 21) positiv aus, müssen sich Betroffene auf der Basis des „Schwangerschaftskonfliktberatungsgesetzes“ erneut beraten lassen. „Wir haben uns im Rahmen unserer Möglichkeiten bemüht, die Hürden so hoch zu hängen, dass man zu einer halbwegs ethischen, verantwortlichen Entscheidung kommen kann“, betont Hecken.

In Anspruch nehmen können die Versicherten die neue Kassenleistung voraussichtlich ab Ende 2020. Vorher muss der Gemeinsame Bundesausschuss noch über die dazugehörige, verpflichtende Informationsbroschüre für die Beratung der Schwangeren entscheiden. Auch das Bundesgesundheitsministerium muss die Beschlüsse noch billigen.

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„Riesenfehler, Menschen auszusortieren“

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe, eine Interessenvertretung von Behinderten und ihren Familien, hatte vor der Entscheidung noch einmal vor den möglichen Folgen dieser vorgeburtlichen Bluttests gewarnt. Es sei ein „Riesenfehler, Menschen auszusortieren“, sagte Vorstandsmitglied Sebastian Urbanski, der selber das Down-Syndrom hat, dem Radiosender SWR 2. Schwangere und werdende Eltern benötigten gute Beratung und Aufklärung, um zu wissen, was auf sie zukomme und was man mit einem Kind mit Down-Syndrom alles machen könne, so Urbanski. Sein Leben sei „großartig“.

Die Katholische Bischofskonferenz kritisierte die Entscheidung des Gremiums. Nicht-invasive vorgeburtliche Tests verstärkten die Tendenz, eine Schwangerschaft zunächst als „Schwangerschaft auf Probe“ zu betrachten, sagte ihr Pressesprecher Matthias Kopp.

Ein Präzedenzfall für Gentests?

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Katrin Vogler befürchtet, dass der Bluttest auf Trisomie ein Präzedenzfall für Hunderte weiterer Test werden könnte, die derzeit entwickelt würden. Vogler kündigte eine fraktionsübergreifende Initiative von Bundestagsabgeordneten an, um den Umgang mit solchen Gentests grundsätzlich zu regeln.

Ähnlich äußerte sich die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Corinna Rüffer. Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis begrüßte dagegen die Entscheidung, die Bluttests auf Trisomie zur Kassenleistung zu machen. Damit werde das Selbstbestimmungsrecht der Frauen gestärkt, sagte die Parteilinke, die sich auch um den Vorsitz der SPD bewirbt.

Vorgeburtliche Bluttests: Keine leichte Entscheidung
Dagmar Pepping, ARD Berlin
15:46:00 Uhr, 19.09.2019

Zuletzt aktualisiert: 13.11.2019, 01:35:29