Tierwohllabel: Klöckner drückt sich vor ihrem Job

Gepostet am 06.02.2019 um 17:37 Uhr

Nicht mit einem freiwilligen Tierwohllabel, sondern durch klare Vorschriften würde Landwirtschaftsministerin Klöckner die Tierhaltung verbessern. Alles andere ist ein Etikettenschwindel, kommentiert Martin Mair.

Mehr Platz im Stall, weniger Stress auf dem Weg zum Schlachthof. Es klingt vielversprechend, was Julia Klöckner mit ihrem staatlichen Tierwohllabel vorhat. Ihr Etikett verspreche Orientierung, sagt die Landwirtschaftsministerin. Der Kunde kann damit an der Theke erkennen, ob das Steak von mehr oder weniger glücklichen Schweinen kommt, und entscheiden, was ihm das wert ist. Das hört sich nach mündigem Verbraucher an. Nach aufgeklärter Kaufentscheidung. Ja, nach Demokratie an der Supermarktkasse.

Bloß: Es stimmt nicht. Denn in Wahrheit drückt sich Klöckner vor ihrem Job. Statt strengerer gesetzlicher Vorschriften für echten Tierschutz, gibt es ein freiwilliges Etikett und die Landwirtschaftsministerin schiebt die Verantwortung ab. Denn mitmachen muss keiner. Damit liegt die Entscheidung also wieder bei den Verbrauchern, die doch bitte gefälligst das gute Fleisch kaufen sollen.

Mit artgerechter Haltung hat das nichts zu tun

Übrigens: In der Einstiegsstufe des staatlichen Labels muss ein erwachsenes Schwein 0,9 Quadratmeter Platz haben – das ist kleiner als eine Matratze im Babybett. Mit den glücklichen süßen Ferkeln aus der TV-Werbung oder artgerechter Haltung hat das nichts zu tun – trotzdem klebt ein Tierwohllabel auf der Packung. Staatlich zertifiziert.

Genauso große Augenwischerei ist die versprochene klare Orientierung. Denn Kunden müssen das staatliche Etikett erst einmal von den zahllos vorhandenen Marketing-Siegeln der Industrie unterscheiden lernen. Dafür hält es die Landwirtschaftsministerin für nötig, ihrem eigenen Label eine teure Werbekampagne zu spendieren: 75 Millionen Euro dafür, dass ihr Emblem überhaupt bekannt wird. Viel Geld für wenig Tierwohl.

Die Politik allein kann es nicht regeln

Apropos Geld: Eines macht Klöckner tatsächlich besser als ihre Vorgänger. Sehr viel deutlicher spricht sie eine Selbstverständlichkeit aus: Eine vernünftige Aufzucht, gute Haltung und möglichst stressarme Schlachtung von Tieren kosten Geld. Wenn Ihnen also Tierwohl wichtig ist, dann müssen Sie tiefer in die Tasche greifen. Und wenn Sie knapp bei Kasse sind, bleibt Ihnen wohl nur, weniger Fleisch zu essen, um sich gutes leisten zu können. Auch das gehört zur Wahrheit dazu – die Politik allein kann es nicht regeln.

Aber: Der Einzelne kann eben nicht die Strukturen in der Agrarindustrie verändern – das bleibt die Aufgabe der Landwirtschaftsministerin. Vernünftige Haltung subventionieren statt Massenproduktion fördern, Qual per Gesetz verbieten: All das sind politische Entscheidungen, für die Klöckner strengere Gesetze auf den Weg bringen müsste. Wenn sie also sagt, dass ihr Tierwohl wichtig ist, dann muss sie das angehen. Nicht mit einem weiteren freiwilligen Schild im Supermarkt, sondern per klarer Vorschrift. Alles andere ist ein Etikettenschwindel.

Zuletzt aktualisiert: 16.07.2019, 12:12:01