100 giftige Chemikalien verbannen

Gepostet am 29.06.2016 um 20:28 Uhr

Textilunternehmen und Regierung wollen die Bedingungen in der Bekleidungsindustrie verbessern. Dazu haben sie eine Liste mit 100 Chemikalien erstellt, die nicht mehr zum Einsatz kommen sollen. Greenpeace kritisiert, das sei nur ein Minimalstandard. Von Eva Lodde.

Textilunternehmen und Regierung wollen die Bedingungen in der Bekleidungsindustrie verbessern. Dazu haben sie eine Liste mit 100 Chemikalien erstellt, die nicht mehr zum Einsatz kommen sollen. Greenpeace kritisiert, das sei nur ein Minimalstandard.

Von Eva Lodde, ARD-Hauptstadtstudio

Das Textilbündnis hat etwas zu feiern – und den Ort dafür ganz bewusst gewählt: Auf der Ethical Fashion Show in Berlin reiht sich ein Bügel an den nächsten, Kleidung mit schönem Design und vor allem aus ökologisch korrekten Stoffen. Vieles ist fair hergestellt. Ausgerechnet hier also erklären die Verantwortlichen des Textilbündnisses, dass man sich geeinigt hat: Ab 2017 wollen die 120 Textilunternehmen in Deutschland daran arbeiten, 100 giftige Chemikalien nicht mehr in der Produktion zu verwenden.

“Einer der ersten Meilensteine”, sagt Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland optimistisch. Auch Bernhard Felmberg vom Bundesentwicklungshilfeministerium spricht auf der Pressekonferenz von einem “Durchbruch”. Denn zum Bündnis der rund 120 Textilunternehmen gehören etwa H&M, Esprit, Aldi, KiK und NKD. Mehr als 50 Prozent des Textilhandels in Deutschland sind nach Angaben des Handelsverbands darin vertreten.

“Viele Unternehmen sind bereits weiter”

Die heute vorgestellte Chemikalien-Liste ist allerdings nicht neu: 2012 hatten 21 Textilfirmen wie H&M, C&A, Nike und Primark sie selbst entwickelt. Das Textilbündnis übernimmt sie nun. Greenpeace meint deshalb, die Politik lasse die Standards von der Industrie vorschreiben. “Das Textilbündnis ist ein Club der Faulen”, sagt Kirsten Brodde von Greenpeace. “Es gibt viele Unternehmen, die schon viel weiter sind. Das sind nur Minimalstandards.”

Greenpeace war an den Verhandlungen mit dem Entwicklungshilfeministerium vor der Gründung des Textilbündnisses beteiligt, hat sich dann aber entschieden, nicht mitzumachen. Stattdessen hat die Umweltorganisation selbst eine Liste von 400 Chemikalien aufgestellt, die krebserregend oder fortpflanzungsschädigend sind. “Doch die können eben nicht so einfach ersetzt werden. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen, Forschung betreiben”, so Brodde. Das Textilbündnis würde den einfachsten Weg gehen.

Schwierige Verhandlungen

Das will Bernhard Felmberg vom Entwicklungshilfeministerium nicht gelten lassen: “Der Prozess ist nicht von der Wirtschaft diktiert. Wir haben mit allen Beteiligten gerungen, wie wir vorgehen.” Die Chemikalienliste solle eben auch von Unternehmen umgesetzt werden können, die noch nicht so hohe Standards hätten. “Wir wollen da möglichst nicht neue technische Standards entwickeln, sondern bestehende Systeme nutzen”, sagt Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland. Aber man könne die bestehenden dann ja auch weiterentwickeln.

Doch erst einmal geht es beim Textilbündnis darum, sich überhaupt zu einigen. Tatsächlich wird auf der Pressekonferenz klar, dass es bei den Verhandlungen ordentlich knirscht. Frank Zach vom Deutschen Gewerkschaftsbund macht deutlich: “Es hat erst mal seine Zeit gedauert, bis wir überhaupt einen Bündnisgeist entwickelt haben.” Denn das Bündnis will sich um grundsätzliche Probleme in der Lieferkette kümmern – das wird allerdings auch zusätzliche Kosten verursachen. In den Bereichen Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Löhne gibt es bislang noch keine Einigung.

Weckruf Rana Plaza

Entwicklungshilfeminister Müller hatte das Textilbündnis gegründet, nachdem in Bangladesch das Gebäude Rana Plaza im April 2013 zusammengestürzt war und mehr als 1100 Textilarbeiter unter sich begraben hatte. Es ist zum Symbol für fehlende Sicherheit, schlecht bezahlte Näherinnen und mangelnde Verantwortung der Textilfirmen geworden.

Müller will die Unternehmen im Bündnis zu höheren Standards verpflichten. Die Liste der 100 Chemikalien ist nun die erste Einigung. “Strukturell hat es bislang keine deutlichen Verbesserungen in der Branche gegeben”, sagt Christiane Schura von der “Kampagne für Saubere Kleidung”. “Dieses Bündnis ist eine Chance.” Dennoch würde sie statt einer freiwilligen Selbstverpflichtung am liebsten ein Gesetz sehen. Doch das wiederum will das Entwicklungshilfeministerium nicht.

Kein Datum für Chemikalien-Verbot festgelegt

Am Ende werden die Ergebnisse zählen. Ein allgemein verbindliches Datum für alle Unternehmen wird es jedoch nicht geben. “Den Maßstab für alle gleich anzulegen, geht nicht. Die Unternehmen haben ganz unterschiedliche Startpunkte”, sagt Bernhard Felmberg vom Entwicklungshilfeministerium. Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen im Bündnis werden sich also für jede Firma einzeln einigen müssen, bis wann die 100 Chemikalien aus der Produktion verbannt sein sollen. Ende des Jahres sollen die ersten Selbstverpflichtungen vorliegen.

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2017, 16:56:07