Hauptsache Arbeit – egal, wer zahlt

Gepostet am 20.01.2020 um 18:18 Uhr

Teilhabechancengesetz – ein Wortungetüm, wie nur die deutsche Sprache es hervorbringen kann. Dahinter steckt ein Konzept, wie Langzeitarbeitslose mit Hilfe des Staats wieder einen Job bekommen können. Von Kilian Pfeffer.

Teilhabechancengesetz – ein Wortungetüm, wie nur die deutsche Sprache es hervorbringen kann. Dahinter steckt ein Konzept, wie Langzeitarbeitslose mit Hilfe des Staats wieder einen Job bekommen können.

Von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

Endlich wieder ein Job. Mike Jordan war fünf Jahre lang arbeitslos, jetzt hat der alleinerziehende Vater mit Hilfe des Teilhabechancengesetzes einen Job bei der Deutschen Bahn gefunden. Seit November arbeitet er am Bahnhof Friedrichstraße als Reinigungskraft.

Große Erleichterung beim 47-Jährigen: „Man schämte sich. Wenn ich dann im privaten Umfeld gefragt wurde, was machst du denn beruflich.“ Zu antworten, dass er arbeitslos sei, das war ihm immer sehr unangenehm. „Aber jetzt ist es natürlich ein anderes Gefühl, wenn man wieder gebraucht wird, wenn man was machen kann.“

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„Eine sehr ermutigende Zahl“

Das dürfte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gern hören. Immer wieder sagt er, ihm sei wichtig, was Arbeit mit Menschen mache. Dass sie eben mehr sei als Broterwerb, dass sie Anerkennung und soziale Kontakte biete. Mike Jordan ist einer von 42.000 Langzeitarbeitslosen, die im vergangenen Jahr wieder im Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben.

Eine gute Botschaft, findet der Arbeitsminister: „Ich freu mich, dass viele Arbeitsplätze geschaffen wurden, besonders in der Privatwirtschaft, auch in einem größeren Umfang entstanden, als ich das gedacht habe.“ Mehr als 70 Prozent der Arbeitsplätze seien in der freien Wirtschaft. „Daneben gibt es auch welche, die bei Kommunen oder bei Trägern arbeiten, aber das ist eine sehr ermutigende Zahl.“

Erste Bilanz nach einem Jahr Teilhabechancengesetz
tagesschau24 18:48:00 Uhr, 20.01.2020

Viel Geld für ein wenig Perspektive

Der Staat gibt viel Geld aus, um Langzeitarbeitslose wieder eine Perspektive zu geben. Wer mehr als zwei Jahre arbeitslos war, für den bezahlt der Staat anfänglich 75 Prozent seines Arbeitslohnes – bei einer Firma, die einen Job bereitstellt. Den gesamten Lohn übernimmt der Staat bei Menschen, die seit mehr als sechs Jahren Arbeitslosengeld II beziehen. Von Jahr zu Jahr schießt der Staat dann immer weniger Geld zu. Doch wer so lange keine Arbeit hatte, braucht mehr als nur einen Job, glaubt Heil:

„Ein wesentliches Instrument, damit der soziale Arbeitsmarkt erfolgreich ist, ist das begleitende Coaching. Zu deutsch: dass Menschen Unterstützung bekommen, Rat und Hilfe. Um Probleme, die sie neben der Tatsache, dass sie keine Arbeit haben, die aufgelaufen sind, auch zu adressieren. Arbeitgeber melden uns, dass das sehr hilfreich ist in vielen Bereichen.“

Kritik aus der Opposition

Zehntausenden Menschen wurde bisher geholfen – aber es gibt nach offiziellen Zahlen immer noch 728.000 Langzeitarbeitslose. De facto sind es wohl noch deutlich mehr. Auch deswegen findet Sabine Zimmermann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion: Das ist viel zu wenig.

„Die Zahlen der geförderten Langzeitarbeitslosen bleiben erheblich hinter der vollmundigen Ankündigung im Koalitionsvertrag von 150.000 zurück“, so Zimmermann. Die Linke fordere einen wesentlich größeren öffentlich geförderten Beschäftigungssektor: „Mit existenzsichernden und voll sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen.“ Die Bundesregierung müsse deutlich mehr Geld zur Förderung von erwerbslosen Menschen zur Verfügung stellen, findet Zimmermann.

Kritik kommt auch von der AfD. Uwe Witt, der arbeitsmarktpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, nennt das Ergebnis mager und das Konzept fragwürdig.

Arbeit als Chance

Mike Jordan allerdings ist dankbar für die Chance, endlich wieder zu arbeiten. Seiner fast elfjährigen Tochter, die er allein erzieht, endlich etwas bieten zu können, wie er sagt. Auch die Arbeit als Reinigungskraft macht ihm Spaß. Die größte Hürde: jeden Morgen so früh hochzukommen.

„Ich stehe jeden Morgen so um 3:30 Uhr auf, weil ich um sechs Uhr an der Friedrichstraße anfangen muss zu arbeiten.“ Nicht so einfach, wenn man fünf Jahre zu Hause war, berichtet Jordan. Aber er ist zuversichtlich. Dass er wieder seinen Rhythmus findet – und bei der Bahn auch langfristig arbeiten kann.

Ein Jahr Teilhabechancengesetz
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
18:19:00 Uhr, 20.01.2020

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. Januar 2020 um 17:37 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.02.2020, 17:17:22