Syrien-Appelle in Berlin: Für die Kinder, gegen Putin

Gepostet am 07.12.2016 um 16:35 Uhr

In Berlin war der Syrien-Krieg heute gleich zweimal Thema: Bei einer fast schon verzweifelten Pressekonferenz des Kinderhilfswerks UNICEF und bei einer Demonstration vor der russischen Botschaft. Sabine Müller berichtet.

Wenn Hanaa Singer anfängt, zu erzählen, wird es still im Raum. Die Syrien-Chefin von UNICEF ist per Video aus Damaskus zugeschaltet und berichtet mit viel Leidenschaft darüber, was sie und ihre Mitarbeiter täglich erleben. In den belagerten Städten sterben Kinder, weil sie nicht die paar Meter über die Frontlinie zu einem Krankenhaus gebracht werden können, erzählt Singer.

Rechte: ARD-Hauptstadtstudio

Sie hat schon viele tote Kinder gesehen, aber manche haben sich besonders ins Gedächtnis eingebrannt: Die beiden Mädchen mit den pinken Haarschleifen, die sich auf den Schulweg machten und kurz darauf in der Leichenhalle lagen, die eine hielt noch ihren Schokoriegel umklammert. Der 16-Jährige, der nur noch Haut und Knochen war und vor ihren Augen an Unterernährung starb.

Funke Hoffnung im Syrienkrieg

Aber Hanaa Singer erzählt auch von Hoffnung: Von Kindern, die sich durchs Kriegsgebiet schlagen, um zur Schulabschlussprüfung zu gehen, die mit leuchtenden Augen erzählen, dass sie später einmal Ärztin oder Architekt werden wollen. Die Kinder in Syrien geben nicht auf, schließt Singer, und wir dürfen es auch nicht tun. Genau, stimmt First Lady Daniela Schadt zu, die Schirmherrin von UNICEF Deutschland:

„Wenn die Kinder und die Jugendlichen und die Familien in Syrien nicht aufgeben, dann haben wir mit Verlaub, Entschuldigung, die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das hier auch nicht zu tun.“ Daniela Schadt, Schirmherrin UNICEF Deutschland

Jeder Bürger sollte sich angesprochen fühlen, sagt Schadt, jeder kann etwas tun und auch kleine Beträge helfen. Knapp sechs Euro zum Beispiel reichen für eine Thermodecke, die Leben retten kann. Sechs Millionen syrische Kinder müssen mit Kleidung, Decken und Essen versorgt werden, damit sie den Winter überleben. Allein in den nächsten Wochen werden 12 Millionen Euro an Soforthilfe gebraucht. Geert Cappelaere, der UNICEF-Regionaldirektor für den Mittleren Osten, lobt, wie großzügig die Deutschen schon für Syrien gespendet haben, aber es spricht auch viel Verzweiflung aus ihm:

„Uns gehen die Worte aus, noch zu beschreiben, wie himmelschreiend die Lage in Syrien ist.“ Geert Cappelaere, UNICEF-Regionaldirektor für den Mittleren Osten

Alle Kriegsparteien sind verantwortlich für diese Tragödie, betont Cappellaere und die Welt lasse die syrischen Kinder im Stich.

Demonstration vor der russischen Botschaft

„Schluss mit dem Massenmord“, rufen ein paar hundert Demonstranten vor der russischen Botschaft in Berlin und halten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Aleppo – lupenreiner Massenmord“ oder „Putin – Hast Du nicht genug Blut getrunken?“

Rechte: ARD-Hauptstadtstudio

Dieses Gemetzel muss aufhören, sagt ein Mann, und da haben die Russen nun mal den größten Einfluss. Nur, wie man Russlands Präsidenten Putin dazu bringt, mit dem Bombardement in Syrien aufzuhören, weiß niemand so genau: Deutlichere Worte der internationalen Politik, Sanktionen vielleicht?

Mehr öffentlicher Druck könnte auch nicht schaden, meint Grünen-Chef Cem Özdemir, der über die Menge schaut und sagt: „So’n bisschen frage ich mich schon: Wo sind die alle heute?“. Er meint zum Beispiel all die vielen zehntausend Menschen, die damals gegen den Irak-Krieg der USA protestierten. Vielleicht haben sechs Jahre Syrien-Krieg die Öffentlichkeit einfach zu sehr abgestumpft. Und die Politik auch. Heute war der Krieg in Berlin im Fokus – an vielen anderen Tagen ist er nur eine Randnotiz.

Demonstration gegen den Syrienkrieg vor der russischen Botschaft in Berlin

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2018, 20:13:07