Studie zeigt: Internet-Hetze nimmt zu

Gepostet am 15.02.2017 um 12:57 Uhr

Asylbewerber werden von Ärzten wie Privatpatienten behandelt und Flüchtlinge in Bayern bekommen Bordellgutscheine, um ihre Triebe besser auszuleben. Beide Meldungen sind frei erfunden, Fake News. Trotzdem verbreiteten sie sich rasend schnell. Der Grund sind Facebookseiten wie „Die Wahrheit 24h News“. Die posten gezielt skandalöse, ungeprüfte Beiträge und verlinken und kommentieren sich gegenseitig. Zu allem Übel verhilft ihnen dann auch noch der Facebook-Algorithmus zu mehr Aufmerksamkeit, erklärt Stefan Glaser von Jugendschutz.net am Dienstag.

Der Effekt ist, dass man bei einer Fake News oder eigenem Hassbeitrag dann tatsächlich ähnliche Inhalte in seiner Timeline vorgeschlagen bekommt und  das dann ganz schnell dazu führen kann, dass man den Eindruck hat, dass das das gängige oder einzige Meinungsbild ist, das vorherrscht.

Nicht nur die Plattform zielt auf Jugendliche ab, sondern vor allem die Ansprache. Jugendschutz.net warnt besonders vor „Nipstern“ – Nazi-Hipster, wie die „Identitären“. Die Bewegung dreht aufwändige Youtube-Videos mit dramatischer Musik, stellt hübsch arangiertes, veganes Frühstück auf Instagram und verkauft fast nebenbei völkisches Gedankengut. Trotz der professionellen Social Media Strategie eine alte Taktik, meint Familienministerin Manuela Schwesig:

Gerade junge Menschen suchen im Internet nach Identität, Anschluss und Zugehörigkeit. Das ist eigentlich das gleiche, was wir wissen, wie rechtsextreme junge Leute in Dörfern und Städten geködert hat. Und über das Netz ist es natürlich noch viel einfacher, denn junge Menschen sind heute rund um die Uhr im Netz erreichbar und man kann viel weniger unter Kontrolle haben, von wem junge Menschen angesprochen werden.

Jugendschutz.net hat im vergangenen Jahr etwa 1.700 Online-Angebote registriert, die den Jugendschutz verletzen. Über die Hälfte davon waren volksverhetzend. Und auch insgesamt hat sich die Zahl der gemeldeten Verstöße seit 2014 verdoppelt. Die Analyse zeigt aber auch: 80 Prozent der Verstöße wurden gelöscht, nachdem Jugendschutz.net die Plattformen kontaktiert hat, auf denen sie aufgetaucht sind. Schwesig betont:

Zu beleidigen, zu verleumden, Volksverhetzung zu betreiben ist kein Kavaliersdelikt, weil es nur im Netz läuft – sondern das muss man genauso ernst nehmen, wie Dinge, die  auf der Straße, auf dem Schulhof passieren. Die Gesetze gelten auch im Netz.

Offline sind Inhalte aber oft nicht dauerhaft. Zunehmend weichen rechtsextreme Gruppen auf alternative Plattformen aus, wie das russische Netzwerk VK.com. Gelöscht wurde hier auch auf Nachfrage nichts.

In einem gemeinsamen Projekt von Familien- und Justizministerium werden deshalb gerade Plattformen darauf überprüft, wie sie mit Hassbotschaften umgehen. Bis März läuft dieser Test noch. Die Ergebnisse sollen dann Anlass sein, eine Verschärfung im Recht durchzusetzen.

 

Ein Beitrag von Constanze Müller

Zuletzt aktualisiert: 13.11.2019, 05:50:24