Stress, Slums, kaum Schlaf – mit Minister Müller unterwegs

Gepostet am 07.04.2017 um 17:28 Uhr

Korrespondentin Janina Lückoff war mit Entwicklungsminister Gerd Müller unterwegs in Äthiopien und Indien. Jetzt fühlt sie sich wie ein Zombie, auf die gewonnenen Eindrücke will sie trotzdem nicht verzichten.

Neulich in Berlin hab ich die Stadt verlassen, zusammen mit Entwicklungsminister Müller. Ministerbegleitung nennt sich das; die meisten Ressortchefs nehmen auf ihren Reisen ins Ausland Journalisten mit. Von den Hauptstadtkorrespondenten war diesmal ich an der Reihe, es ging nach Äthiopien, Indien und Pakistan. Drei Länder, zwei Kontinente, vier Tage Zeit. Ein ambitioniertes Programm.

Es war das erste Mal, dass ich einen Minister begleitete, ich war also in der Reporterriege das Greenhorn. Was schon beim Kofferpacken zum Problem wurde: Was packt man ein, wenn man erst in die Dürre-Region Äthiopiens fährt, um Hilfsprojekte zu besuchen, am Abend aber mit Botschaftern der ostafrikanischen Länder zu Abend essen soll? Und nicht weiß, ob man sich dazwischen umziehen kann. Bequem und formell solle es sein, waren die jeweiligen Ratschläge im Briefing der Pressestelle. Was sich in der Regel widerspricht. Mein Koffer hatte letztendlich einen Umfang als wäre ich zwei Wochen, und nicht nur vier Tage unterwegs. Beim Treffen von Minister Müller mit Vertretern  der Afrikanischen Union in Addis Abeba sprach mich eine Zeitungskollegin an: “Du bist ja zum Glück auch nicht so schick angezogen.” Gut, die Kleiderwahl hat also schonmal nicht geklappt.

 

Fertig wie ein Zombie, überwältigt wie ein Astrophysiker

Das mit dem Schlafen auch nicht. Denn nach den Erlebnissen des Tages begann die Arbeit der Nacht: Die Beiträge sollten in der Früh um 5 sendefertig an die Hörfunkprogramme der ARD überspielt sein. Da wir meist erst spät in der Nacht im Hotel ankamen wurden im Laufe dieser vier Tage die Augenringe größer, während die Konzentration proportional dazu abnahm. Kombiniert mit der mehrstündigen Zeitverschiebung glich der körperliche Zustand am Ende der Reise dem eines Zombies, der mentale aber dem eines Astrophysikers bei der Entdeckung neuer Welten. Mein Kopf war voll mit Eindrücken und Geschichten, die erzählt werden wollten. Über die vom Hunger bedrohten Menschen in der Somalie-Region in Äthiopien beispielsweise, wo Brunnen bis in 800 Meter Tiefe gebohrt werden, um die Menschen mit Grundwasser versorgen zu können. Das zu sehen hat mir die Kostbarkeit eines halben Liters Wasser verdeutlicht, der für uns verwöhnte Wohlstandsbürger so selbstverständlich ist. Geschichten über die Kinder im Slum von Neu-Delhi, die nur überleben, weil sie Müll sortieren, für fünf Cent am Tag – und die uns trotzdem anstrahlen, weil wir uns anschauen, wie sie leben. Die meist grundlos miesepetrigen Gesichter in der Berliner U-Bahn kommen mir nach dieser Erfahrung beinahe unverschämt vor.

Auch positive Geschichten gibt es: über die indischen Straßenkinder beispielsweise, denen durch deutsche Entwicklungshilfe der Schulbesuch ermöglicht wird: Selbstbewusst standen die sieben bis zehnjährigen Buben und Mädchen vor dem Minister und erzählten, was sie schon gelernt haben. Was sind da schon ein paar Stunden verpassten Schlafes, wenn man über so etwas berichten kann – und muss?!

 

Vier Tage reichen für einen Perspektivenwechsel

Es war gut, Berlin einmal auf diese Weise verlassen zu haben. Nicht für den privaten Urlaub, sondern für den beruflichen Perspektivenwechsel. Als Berichterstatterin der Folgen, die unser aller Handeln hat. Dass dies – über den Schlafmangel hinaus – enormen persönlichen Einsatz erfordert, wurde am Ende der Reise deutlich: Ein Drittel der Mitreisenden, mich eingeschlossen, kam mit einem verdorbenen Magen zurück; Crew-Mitglieder, Sicherheitsleute, Journalisten – selbst den Minister hatte es erwischt. Aber ich bin mir sicher: Deswegen hätte keiner der Betroffenen auf diese Reise – und diese Eindrücke – verzichten mögen.

 

Dieser Beitrag entstand für die Reihe “Neulich in Berlin” in der Sendung Orange auf Bayern 2.

Korrespondentin

Janina Lückoff

Janina Lückoff
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Zuletzt aktualisiert: 29.04.2017, 23:23:16