Steve Bannon gibt sich gemäßigt und prophezeit „Krieg in Brüssel“

Gepostet am 15.05.2019 um 21:28 Uhr

Trumps Ex-Chefstratege Steve Bannon war heute im Berliner Hotel Adlon. In Europa berät er rechtspopulistische Parteien, denen er bei der Europawahl 33 Prozent der Stimmen prophezeit. Thomas Kreutzmann hat mit ihm gesprochen.

Stephen Kevin „Steve“ Bannon war zeitweise einer der einflussreichsten Menschen der Welt: 19 Monate lang Chefstratege von US-Präsident Trump im Weißen Haus und zeitweilig Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten. Dann verdrängten ihn Trumps Tochter Ivanka und ihr Ehemann aus dem engsten Umkreis Trumps, obwohl Bannon massiv zum völlig unerwarteten Wahlsieg Trumps gegen Hillary Clinton beigetragen hatte.

Nach seinem Ausscheiden aus der US-Regierung widmete sich der bekennende US-Nationalist wieder den Internet-Seiten von „Breitbart“ – bis er im Januar 2018 auch dort herausflog, weil er Trumps Schwiegersohn Jared Kushner in Verbindung mit Geldwäschegeschäften gebracht und Trumps frühere Kontakte zu Russland als politisch gefährlich eingeschätzt hatte.

Seitdem hat sich der frühere Berufssoldat, Harvard-Absolvent und Goldman-Sachs-Investmentbanker mit irisch-deutschen Wurzel (seine Mutter hatte den Geburtsnamen „Herr“) ein neues Betätigungsfeld in Europa gesucht. Hier bietet er teilweise gratis, teilweise gegen Geld rechtsnationalen Parteien seine Wahlkampfexpertise und Beratung an – auch der AfD, unter anderem für die bevorstehenden Europawahlen. ARD-Fernsehkorrespondent Thomas Kreutzmann traf Stephen Bannon in seiner Suite im Berliner Adlon-Hotel.

Wer erwartet, nach seinem Absturz aus der höchsten Führungsebene der Weltmacht USA einen demoralisiert-depressiven Politstrategen zu treffen, sieht sich getäuscht: Steve Bannon gibt sich betont entspannt und hochkonzentriert. Er wirkt trotz seiner ständigen Reisen innerhalb Europas oder über den Atlantik ausgeruht und gepflegt.

Sein Image ist ihm wichtig. Er hat nicht nur eine politische Vision, sondern auch einen Job als politischer Berater, mit dem er Geld verdienen will. Mit öffentlichen Interviews will er wahrgenommen werden, seine Analyse- und Kampagnenfähigkeit demonstrieren. Der Bannon in Europa 2019 ist deshalb ein anderer als das politische Rauhbein in den USA in der Wahlkampagne 2016 oder im Weißen Haus.

Kein Krieg gegen den Iran

Bannon vermeidet weitgehend Kraftausdrücke. Er wirbt um die Europäer und um eine gemeinsame Linie mit den USA. Manches kommt unerwartet. Krieg gegen die Mullahs? Bannon ist dagegen und glaubt auch, dass Trump ebenso denkt – obwohl Bannon als Marinesoldat einmal dafür ausgebildet wurde, amerikanische Geiseln aus der US-Botschaft in Teheran mit zu retten.

Jetzt sagt er: Wenn heute nicht noch gerade ausgesprochene Provokationen durch den Iran gegen Verbündete der USA erfolgten, seien Sanktionen doch viel wirksamer:

„Trump ist kein Interventionist. Wir müssen mit unseren Verbündeten gemeinsam nachdenken, was im Iran passiert, um einen gemeinsamen Plan zu fassen. Wir haben auch Meinungsverschiedenheiten, aber die hatten wir auch hundertfach im Kalten Krieg.“

Und den habe man durch Frieden in Stärke ja auch gemeinsam gewonnen: Die USA mit dem Papst und ihren Verbündeten, auch weil die politischen Führer trotz millionenfacher Proteste Pershing-Raketen aufstellen ließen. Das darf man als Hinweise auf eine militärische Drohkulisse gegen den Iran verstehen.

Konkretes Handeln wünscht sich Bannon dagegen in einem umfangreichen Wirtschaftskrieg: gegen China. Pekings Aufstieg beschäftigt ihn massiv, „dabei liebe ich dieses Land, ich habe seit den 70er Jahren dort teilweise gelebt und Geschäfte gemacht.“

Eine erwartbare Antwort

Aber es sei eben kein Naturgesetz, dass China aufstrebe, während die industrialisierten Demokratien des Westens ihren Niedergang erlebten. Den bezahlten die Arbeiter und die untere Mittelschicht auch in Deutschland, nicht aber Hedgefonds-Manager und Börsenspekulanten in Frankfurt, in der City of London oder an der Wall Street.

Wie kann ein mutmaßlicher vielfacher Millionär aus der Finanzbranche wie Bannon selbst zu solchen Schlussfolgerungen gelangen? Die Antwort war erwartbar. Bannon berichtet von seiner Herkunft; schon Vater und Großvater seien einfache Angestellte bzw. Arbeiter gewesen. Und er sei während seiner Karriere immer der aus der „Arbeiterklasse“ gewesen.

Gegen die Finanzindustrie

Deshalb arbeite er gegen die Interessen der Finanzindustrie oder des Weltwirtschaftsforums von Davos und von Leuten wie Hillary Clinton, die von der Einparteiendiktatur in China wüssten, aber wegschauten, weil sie daran verdienten. Der Beobachter denkt: Arbeiterinteressen und Globalisierungskritik – das findet sich inzwischen auch eins zu eins in den Reihen der AfD, obwohl etliche ihrer Wirtschaftsprofessoren und anderer Akademiker einmal als neoliberale Euro-Kritiker angefangen haben.

Bannon betont, weniger die Migrationsfrage als die Vertretung von Arbeitnehmerrechten habe zu Trumps Wahlsieg geführt, weil er den Demokraten traditionelle Arbeiterwähler abspenstig gemacht habe – ein Rollenmodell für europäische Rechtsparteien. Ihnen sagt er bei der Europawahl 33 Prozent voraus: „Ein Erdbeben. Und dann gibt es Krieg in Brüssel.“

„Krieg in Brüssel“

Denn Salvini, Le Pen, Farage und andere könnten sich nach der Europawahl zusammenschließen und seien dann stark genug, um die Rückbildung der Europäischen Union zu einer Wirtschaftsgemeinschaft von Nationalstaaten zu bewirken. Dass Europas Nationalisten derzeit noch auf vier Gruppen im Europaparlament verstreut sind, und es es keineswegs sicher ist, dass sie ihre Atomisierung überwinden werden, umschifft Bannon stillschweigend.

Es ist halt Wahlkampf und kein Uni-Seminar. Jedenfalls sieht er für Jean Monnets Idee von den „Vereinigten Staaten von Europa“ keine Zukunft. Dann beweist der nationalistische Politikberater aus den Vereinigten Staaten von Amerika noch seine Geschichtskenntnis, als er auf die 300-jährige Geschichte der europäischen Nationalstaaten nach dem Westfälischen Frieden hinweist, die so erfolgreich gewesen sei.

International vernetzte Nationalisten

Das mag man seither im Licht zahlreicher Kriege – Handelskriege und blutiger militärischer Auseinandersetzungen – anders sehen. Aber dann ist die Zeit für das Interview um. Mr. Bannon ist eng getaktet, die nächsten Berliner Journalisten warten schon in der Lobby. „Aber ich komme im Juli wieder nach Berlin“, – ein Versprechen für die einen. Eine Drohung für die anderen.

Von Muslimen, Migranten oder Mexikanern war immerhin nicht die Rede. Bannon geht es offenbar nicht immer um die härteste Rhetorik. Sondern um konkrete Ziele. Der Ausgang der Europawahl ist gerade für ihn als Berater und spiritus rector der Neuen Rechten wichtig. Von Nationalisten, die sich international vernetzen.

Zuletzt aktualisiert: 14.10.2019, 22:25:42