Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bremen. Foto: imago/Nordphoto

Steinmeier und die Macht der Worte

Gepostet am 09.07.2018 um 11:57 Uhr

Bundespräsident Steinmeier mahnt, man möge “verantwortungsvoll” mit Sprache umgehen. Damit beeinflusst er zwar nicht die aktuelle Diskussion. Aber er gibt einen klaren Fingerzeig – und erfüllt seine Rolle, kommentiert Uwe Lueb.

Wäre Frank-Walter Steinmeier so ein Mann des Glaubens und der Kirche wie seine Vorgänger Johannes Rau oder Joachim Gauck, wäre ihm vielleicht die Bibel in den Sinn gekommen. Dort geht es an vielen Stellen um die Macht der Worte. Und um Mahnungen, dass Worte spalten können. Wenn Bundespräsident Steinmeier nun fordert, man möge doch „verantwortungsvoll“ streiten, was auch Disziplin bei der Sprache verlange, meint er genau das: Worte können Stimmungen erzeugen, Meinungen beeinflussen – ja, sie können spalten.

Empörung schwingt mit

Worte wie zum Beispiel Asyltourismus und Flüchtlingswelle – aber auch schon bei Flüchtlingskrise fragt man sich, wer eigentlich in welcher Krise steckt. Vermutlich denken weniger Menschen an die tiefgreifende Lebenskrise jedes einzelnen Geflüchteten und mehr an die krisenhaften Aufgaben, die 2015 auf Deutschland zugekommen sind. Besonders klar ist der Fall bei „Asyltourismus“. Hier schwingt Empörung mit.

Was zählen sollte, sind jedoch Argumente statt Empörung. Auch das hat Steinmeier verlangt – vor einem dreiviertel Jahr am Tag der Deutschen Einheit. Unmittelbar bewirkt haben seine Worte damals nichts – zumindest nichts Messbares. Das wird mit seiner neuerlichen Mahnung ähnlich sein. Sie einfach abtun und weitermachen wie bisher kann dennoch niemand der politisch Handelnden. So viel Gewicht haben die Worte eines Bundespräsidenten allemal.

Wir reden über B-Noten

Die Debatte wird sich zwar nicht schlagartig ändern. Aber denen, die Worte manipulativ nutzen, werden die Worte Steinmeiers entgegengehalten werden. Für die politische Debatte ist es ein Unterschied, ob Wissenschaftler über die Macht der Sprache räsonieren oder ob ein Ordnungsruf vom Staatsoberhaupt erfolgt. Natürlich hätte er sich früher einschalten können. Der gewählte Zeitpunkt ist aber richtig. Denn auch Worte eines Präsidenten verhallen, wenn er sie zu früh, zu leichtfertig oder zu oft einsetzt. Gleichwohl darf niemand zu viel erwarten von Steinmeiers Mahnung. Denn letztlich reden wir über B-Noten, also Stilfragen.

Die eigentliche Diskussion über die richtige Asyl- und Flüchtlingspolitik beeinflusst Steinmeier nicht. Das will er und soll er aus seinem Amt heraus auch nicht. Seine Stellung ist übergeordnet. Er steht über der tagespolitisch aufgeheizten Debatte. Genau diese Stellung verleiht ihm jedoch die Möglichkeit, selbst Ministern und Ministerpräsidenten klare Fingerzeige zu geben und vielleicht sogar ins Gewissen zu reden. Dass er das jetzt getan hat, ist gut.

Zuletzt aktualisiert: 20.07.2018, 04:32:25