Ein bisschen wie der Außenminister

Gepostet am 24.03.2018 um 23:06 Uhr

Bundespräsident Steinmeier trifft in Indien den richtigen Ton. Mit seinen unmissverständlichen Appellen klingt er ein bisschen wie der Außenminister, der er einst war. Von Martin Mair.

Bundespräsident Steinmeier trifft in Indien den richtigen Ton. Mit seinen unmissverständlichen Appellen klingt er ein bisschen wie der Außenminister, der er einst war.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Neu-Delhi

Aus den Lautsprechern am Ufer des Ganges dröhnen fremde Töne. Hinduistische Priester schwenken Räucherstäbchen und Feuerlampen. Ganga Aarti heißt die Zeremonie, die jeden Abend Tausende indische Pilger anlockt. Die Dämmerung taucht das magische Ritual in ein gnädiges Licht: Es verschluckt Dreck und Leichenteile, die im Ganges schwimmen.

Ein Bild für ein Land voller Widersprüche. Oder, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt: ein Land im rapiden Wandel. Bei seinem Besuch geht es um das, was in Indien noch nicht so gut funktioniert, genauso wie um den „Respekt vor einem Land, das mit einer Vielzahl von Religionen umzugehen hat“. Nach Steinmeiers Eindruck gelingt das dem Subkontinent gut – trotz einiger Schwierigkeiten.

Signal in die Heimat

Das Besuchsprogramm des Präsidenten ist eine sorgsam ausgeklügelte Choreografie, die versucht, allen Religionsgruppen und Ethnien gerecht zu werden. Das wirkt in diesen Tagen auch als Botschaft in die Heimat, wo rund um den neuen Innenminister Horst Seehofer eine neue Debatte um den Islam entbrannt ist. Steinmeier will sich dazu nicht direkt äußern, sagt aber, man könne durchaus von den Indern lernen. „Wie man etwa die Grundlagen für Diversität schaffen kann.“

Das Zusammenleben verschiedener Religionen ist in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt allgegenwärtig. Im Straßenbild zeigt sich eine bunte Mischung verschiedener Ethnien. Doch bei einem Besuch an der größten Universität des Landes trifft Steinmeier auf Studenten, die einhellig versichern: Das alles sei kein Problem. Toleranz nach westlichem Verständnis, sagt eine junge Politikstudentin, brauche es in Indien gar nicht. „Das ist für mich nicht der Punkt hier bei uns. Wir in Indien tolerieren andere Meinungen nicht, wir feiern einfach die Unterschiede.“ Der Satz fällt bei dem gut einstündigen Gespräch mehrmals. Er wirkt fast schon einstudiert.

Steinmeier lächelt freundlich, fragt mehrfach nach, ob es denn wirklich keine Probleme gebe. Später wird er sagen, dass ihn dieses starke Bekenntnis durchaus überrascht habe. Vielleicht auch weil er weiß, dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Indien eben doch nicht ganz so rosarot ist.

Gespräch mit Modi

Gerade die muslimische Minderheit – ein nach deutschem Verständnis merkwürdig klingender Begriff, da es sich um geschätzt 180 Millionen Menschen handelt – wird immer wieder Opfer von Angriffen rechter Hindu-Gruppen. Manche sind verbunden mit der Partei von Premierminister Narendra Modi.

Bei seinem Gespräch sei auch das ein Thema gewesen, sagt Steinmeier. Er glaube, dass sich Modi für ein friedliches Miteinander stark macht. Als Beispiel führt er ein Projekt der indischen Regierung und der Aga-Khan-Stiftung an. Der historische Gartenkomplex Sunder Nursery wurde im 16. Jahrhundert von Muslimen angelegt, in den vergangenen Jahrzehnten aber nicht gepflegt. Kürzlich wurde der Park wiedereröffnet und „das ist schon ein Signal, dass Ministerpräsident Modi ein Interesse daran hat, dass das miteinander Leben weiter möglich sein soll“.

Steinmeier trifft den richtigen Ton

Steinmeier klingt dabei noch immer ein bisschen wie der Außenminister, der er einst war. In dieser Rolle war er stets auch immer präsidial. Eine ganz andere Art als sein Amtsvorgänger Joachim Gauck, die im Inland bisweilen sperrig und distanziert wirkt. Doch in Indien trifft Steinmeier den richtigen Ton.

Premier Modi jedenfalls, der keine Presse bei der Begegnung dabei haben und sich nicht äußern wollte, twitterte im Anschluss: Es sei eine Ehre gewesen, das deutsche Staatsoberhaupt zu treffen, und man habe ein wunderbares Gespräch geführt. Auch Steinmeier will den Eindruck nicht trüben und sagt: Modi habe Indien vorangebracht.

Mehr Zusammenarbeit

Für die Politikwissenschaftlerin Ummu Salma Bava ist der Besuch denn auch ein gutes Signal – gerade für eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit. „Wir wollen ein noch größeres Interesse für Indien und die Entwicklung haben“, sagt Bava. Das könne auch zu mehr Investitionen führen.

Tatsächlich ist Deutschland der wichtigste Handelspartner des Subkontinents innerhalb der Europäischen Union. Doch viele Firmen hält die noch immer allgegenwärtige Korruption im Land von einem stärkeren Engagement ab.

Steinmeier wird einige Leuchtturm-Projekte besuchen, sich Forschungseinrichtungen anschauen. Und er sendet einen Appell an die Bundesregierung. Er gehe davon aus, dass sie sich künftig stärker in Indien engagieren werde. Durchaus auch aus eigenem Interesse, denn die Wirtschaft des Schwellenlandes wächst rasant und so schnell wie in keiner anderen Nation. Eine Chance für die Exportnation Deutschland, die aber Indien mit seinen gut 1,3 Milliarden Einwohnern und vielen Facetten erst noch entdecken muss.

Zuletzt aktualisiert: 07.12.2019, 06:56:03