Ein Präsident auf der Suche

Gepostet am 26.06.2017 um 10:00 Uhr

In seinen acht Jahren als Außenminister hat Steinmeier viele stürmische Zeiten erlebt. Als Bundespräsident kann er bei heiklen Missionen auf diese Routine zurückgreifen. Nach 100 Tagen im Amt sucht er aber noch nach seiner Rolle. Von Martin Mair.

In seinen acht Jahren als Außenminister hat Steinmeier viele stürmische Zeiten erlebt. Als Bundespräsident kann er bei heiklen Missionen auf diese Routine zurückgreifen. Nach 100 Tagen im Amt sucht er aber noch nach seiner Rolle.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Beim Bummel über den Markt in Jerusalems Altstadt wirkte der Bundespräsident gelöst. Er prostete seinem Amtskollegen freundlich zu, nippte an einem Glas Bier. Doch die Szene trügt: Frank-Walter Steinmeier war in heikler Mission.

Kurz vor seinem Besuch Anfang Mai war es zu einem Eklat gekommen. Außenminister Sigmar Gabriel hatte eine regierungskritische Organisation getroffen. Daraufhin ließ der Israels Ministerpräsident ein Treffen platzen. Frank-Walter Steinmeier musste versuchen, die Wogen zu glätten. Er sprach von einem tiefen Fundament beider Staaten, das “so breit ist, dass es den Turbulenzen standhält, wie sie in den letzten Tagen stattgefunden haben”.

Chefdiplomat kann er

Er sprach wie ein Chefdiplomat und hatte Erfolg. Die Mission glückte und Steinmeier schaffte den Spagat, die Misstöne auszuräumen und doch selbstbewusst aufzutreten. Auf dem Rückflug war ein entspannter Bundespräsident zu sehen, der zufrieden mit sich und seiner Reise wirkte. Und dabei sehr an Steinmeier den Außenminister erinnert. Das kann er, hier ist er sicher.

Nur ist es eben nicht mehr seine Rolle: Denn als Bundespräsident soll er über der Tagespolitik stehen, soll mahnen und ermuntern. Sein Thema hat er bereits am ersten Amtstag gewählt. Er wolle Mut machen für die Demokratie: “Mut ist das Lebenselixier der Demokratie. So wie die Angst der Antrieb von Diktatur und Autokratie ist”, erklärte Steinmeier vor genau 100 Tagen bei seiner Antrittsrede.

Solch präsidiale Sätze hört man immer wieder von ihm, allerdings haben sie noch nicht so recht verfangen. Vielleicht, weil Steinmeier immer etwas distanziert wirkt. Umgeben von einer Aura des unnahbaren Politprofis.

Freilich ist die Messlatte hoch, denn sein Vorgänger Joachim Gauck schaffte es, sich als Bürgerpräsident in die Herzen der Deutschen zu bringen. Er wolle seinem Nachfolger nichts raten, sagte Gauck, sondern “Mut, Geduld, Freude und Schaffenskraft” wünschen.

Steinmeier bewegt sich noch tastend

Mut und Schaffenskraft hat Steinmeier. Und Geduld braucht er wie alle seine Vorgänger, um das neue Amt mit Leben zu füllen. Ein Versuch dazu ist seine “Deutschlandreise”, auf der er alle 16 Bundesländer im ersten Amtsjahr besuchen will. Er wolle ins Gespräch kommen, zuhören und nachfragen, erklärte der Bundespräsident.

Wer ihn dabei beobachtet, erlebt, dass sich Steinmeier noch tastend bewegt. So wirkt eine Humoreinlage, wie bei einem Treffen mit Schülern in München, freundlich – und unnahbar. Es bringt ihm maximal ein höfliches Lachen ein, als er witzelt, dass ausgerechnet ein Ostwestfale und Schalke-Fan in Bayern mit offenen Armen empfangen werde.

Querelen im Haus zu lösen

Die, die Frank Walter Steinmeier gut kennen, sagen: Er ist ein Mann mit großem Humor, könne sein Korsett ablegen. Das hat ihn vor Fehlern in den ersten 100 Tagen im Amt bewahrt. Echte Negativschlagzeilen machten andere in seinem Umfeld. Der Personalrat im Schloss Bellevue trat zurück, weil er sich bei der Besetzung von Posten durch den Chef übergangen fühlt. Offiziell will das im Bundespräsidialamt niemand kommentieren.

Klar ist: Steinmeier wird diese stürmischen Zeiten in seinem eigenen Haus irgendwie meistern. Doch sein Anspruch ist höher: Er will begeistern, etwas verändern. Und deshalb kann er mit einer aktuellen Umfrage nicht zufrieden sein, in der die Deutschen ihrem Bundespräsidenten eine Schulnote geben sollten. Das Ergebnis ist eine drei plus für das Staatsoberhaupt. Es könnte schlimmer sein, doch klar ist eben auch: Da ist noch Luft nach oben für Frank-Walter Steinmeier.

Zuletzt aktualisiert: 28.07.2017, 17:04:15