Unvergessenes Unrecht

Gepostet am 10.03.2019 um 05:49 Uhr

Die Stasi-Unterlagenbehörde soll 2022 mit dem Bundesarchiv zusammengeführt werden. Viele Opfer und ihre Kinder kämpfen noch um Rehabilitierung. Für sie geht es um viel. Von Kristin Schwietzer.

Die Stasi-Unterlagenbehörde soll 2022 mit dem Bundesarchiv zusammengeführt werden. Viele Opfer und ihre Kinder kämpfen noch um Rehabilitierung. Für sie geht es um viel.

Von Kristin Schwietzer, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn man Stefan Will zuhört, dann weiß man, was eine Diktatur mit Menschen macht. Sein Vater saß im „Roten Ochsen“ in Halle an der Saale – früher Gefängnis der Staatssicherheit in der ehemaligen DDR, heute Gedenkstätte. Sein Vater Erich saß dort anderthalb Jahre in Einzelhaft.

Das Urteil lautete: verbrecherischer Betrug zum Nachteil sozialistischen Eigentums. Es war ein Vorwand, wie sich erst später herausstellte.

Wichtiges Thema: Wie geht es mit den Akten weiter, wenn die Stasi-Unterlagenbehörde 2021 schließt? Die #Groko bleibt bisher ein Konzept schuldig. #DDR #Stasi https://t.co/efoJMf1rnI (09.03.2019 19:16 Uhr via Twitter)

Damals, 1985, ging Stefan will gerade in die Lehre. Warum sein Vater tatsächlich verurteilt wurde und was er im Stasigefängnis erlebte, erfuhr die Familie damals nicht. Erich Will schwieg darüber auch nach der Haft.

„Er kam als gebrochener Mann raus. Er war in sich völlig verändert. Das Thema Haft durften wir Kinder 30 Jahre lang nicht ansprechen. Auch meine Mutter nicht. Das war ein Thema, das war in der Familie tabu“, erzählt sein Sohn.

Zermürbungsstrategie bis zum Urteil

Stefan Will brachte seinen Vater schließlich dazu, die Herausgabe seine Stasi-Akte zu beantragen. Ende 2011 kamen die Akten, zwei Wochen nach dem Tod von Erich Will.

Aus den Akten geht hervor, wie perfide das System funktionierte. Die Verurteilung von Erich Will war, wie in vielen anderen Fällen auch, bis ins Detail durchorganisiert.

Die Staatssicherheit plante minutiös eine Zermürbungsstrategie: stundenlange Verhöre Tag und Nacht, manipulierte Zeugen und Gutachten von Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit. Das Urteil stand schon fest, bevor es überhaupt gesprochen wurde.

Posthum rehabilitiert

Für Stefan Will ist im Nachhinein klar: An seinem Vater sollte ein Exempel statuiert werden, weil die Forschungsabteilung, in der Will als Patentingenieur arbeitete, offenbar auch für die Planwirtschaft der DDR nicht effektiv genug war. Dank der Akten konnte Stefan Will so seinen Vater posthum auch vor Gericht rehabilitieren.

Das Beispiel zeigt, dass das Interesse an den Stasi-Akten ungebrochen ist. Die Generation der Kinder will wissen, was und wen der Geheimdienst der DDR bespitzelte und warum. 15.000 Säcke mit zerrissenen Unterlagen lagern noch immer in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde, 9000 allein in der Außenstelle Magdeburg. Es sind unerzählte und unerforschte Schicksale.

Das Zusammenfügen ist Puzzlearbeit. Viele Akten sind zudem in schlechtem Zustand, sie müssen beispielsweise entsäuert werden.

Unterlagenbehörde gibt es ab 2022 nicht mehr

Die schwarz-rote Koalition beschloss in der letzten Legislaturperiode. dass es die Stasi-Unterlagenbehörde 2022 nicht mehr geben wird. Die Unterlagen selbst sollen mit dem Bundesarchiv zusammengeführt werden.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, soll dafür ein Konzept erarbeiten. Einig ist man sich darüber, dass die Unterlagen besser archiviert und rekonstruiert werden müssen und dass sie den Bürgern weiterhin zugänglich sein sollen.

Uneinig ist man sich, wie viele Außenstellen erhalten bleiben. Der Bund will nur eine pro Bundesland. Länder wie Sachsen-Anhalt würden gern beide Außenstellen erhalten, sagt die Landesbeauftragte Birgit Neumann-Becker.

Fraglich ist auch, ob es künftig noch ein politisches Gesicht, einen Ansprechpartner für die Betroffenen geben wird. Für Katrin Budde, (SPD) Vorsitzende des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag, ist klar: Der Erhalt der Akten hat Priorität. Erst dann könne man über Personal reden.

Der Vorsitzende der SED-Opferverbände, Dieter Dombrowski (CDU) sagt, es fehle der politische Wille, dieses Erbe auch wirklich zu erhalten. Dombrowski spricht von einer „Schwamm-Drüber-Mentalität“: „Ich erlebe es gelegentlich bei meinen Gesprächen mit Mandatsträgern im Bundestag, die dann schon mal sagen, ist doch schon so lange her, wen interessiert das noch.“ Viele würden die DDR-Geschichte zudem als Ostproblem abheften.

Jahn: Kein Ostproblem

Solchen Argumenten begegnet auch Jahn. Der Bundesbeauftragte hat selbst schmerzliche Erfahrungen mit der Staatssicherheit gemacht. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler protestierte öffentlich für Meinungsfreiheit, Demokratie und Bürgerrechte. So kritisierte er etwa die Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann.

Jahn wurde schließlich zwangsausgebürgert und im Zug von Ost nach West gebracht. Mehrere Dutzend Inoffizielle Mitarbeiter waren zu DDR-Zeiten auf Jahn angesetzt, auch später noch, als er längst im Westen lebte. Der prominenteste unter ihnen war der Lyriker und Schriftsteller Sascha Anderson, Schwiegersohn von Martin Walser.

In den frühen 1980er-Jahren in der DDR war Anderson Dreh- und Angelpunkt der Künstlerszene im Prenzlauer Berg. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Er war Stasi-Spitzel, der später im Westen aktiv blieb und neben Jahn noch andere ausspionierte.

Jahn weiß also aus eigener Erfahrung, dass die Staatssicherheit der DDR kein Ostproblem ist. „Sie hat den Bundestag bespitzelt. Sie hat die Linksextremisten für sich genutzt. Sie hat mit der RAF zusammengearbeitet. Das ist deutsche Geschichte.“ Die solle und werde erhalten bleiben, versichert Jahn, auch mit dem neuen Konzept. Alles solle aufgearbeitet werden, egal wie lange es dauere. Man werde, so Jahn, nicht die Stasi entscheiden lassen, was gelesen werde und was nicht.

Viele kämpfen um ihre Rehabilitierung

Vieles ist angedacht – umgesetzt ist noch nichts. Im Jahr 30 nach der Wende gibt es noch viele offene Fragen und für die Betroffenen gefühlte und ganz reelle Ungerechtigkeiten: Viele Opfer kämpfen immer noch um ihre eigene Rehabilitierung oder die ihrer Eltern. Die Akten der Staatssicherheit der DDR können dabei entscheidend helfen.

Die Mutter von Stefan Will bekommt durch die Rehabilitierung ihres Mannes zumindest eine etwas höhere Rente. Stefan Will sagt. „Es gibt keine voll umfängliche Gerechtigkeit. Es gibt, wenn man Glück hat und es schafft und die Kraft hat, eine Rehabilitierung. Aber das war’s. Mit dem Rest muss man leben. Das ist für viele ganz schwer.“

Die Umstrukturierung der Stasi-Unterlagen-Behörde hat für die Opfer und deren Kinder auch einen symbolischen Wert. Denn für sie ist das Unrecht, das ihnen das DDR-Regime angetan hat, noch längst nicht Geschichte, sondern immer noch eine schmerzliche Erinnerung.

Zuletzt aktualisiert: 17.06.2019, 13:31:34