Die Neuen üben noch

Gepostet am 06.12.2019 um 03:31 Uhr

Die designierten Parteichefs Esken und Walter-Borjans stellen sich heute auf dem SPD-Parteitag zur Wahl. Der Kurs soll linker werden – doch das Duo scheint noch in der Findungsphase, berichtet Sabine Müller.

Die designierten Parteichefs Esken und Walter-Borjans stellen sich heute auf dem SPD-Parteitag zur Wahl. Der Kurs soll linker werden – doch das Duo scheint noch in der Findungsphase.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Die beiden designierten SPD-Parteichefs, sie üben noch – und zwar nicht nur, wenn es um die richtige Position vor den Mikrofonen geht. Die ersten Tage als Fast-schon-Vorsitzende sind für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans doch etwas ganz anderes als die Bewerbungsphase. „Wir haben was gemacht aus unserem Leben, aber wir haben nicht vergessen, wo wir herkommen“, betont Esken.

Bodenständig, authentisch, glaubwürdig – mit diesem Pfund haben Esken und Walter-Borjans – genannt NoWaBo – in den vergangenen Monaten gewuchert. Sie: 58, die zu Beginn ihres Berufslebens als Paketbotin und Schreibkraft arbeitete, erst seit 2013 im Bundestag sitzt und Digitalexpertin ist. Er: 67, der als NRW-Finanzminister Daten-CDs aus der Schweiz ankaufte, um Jagd auf Steuersünder zu machen, der als „Robin Hood der Steuerzahler“ verehrt wird.

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Viel Selbstbewusstsein und eine Mission

Sie hatte ihn gefragt, ob sie zusammen kandidieren wollen. Esken ist wichtig, dass sich da nicht ein Alpha-Männchen irgendeine Frau an die Seite geholt hat, nur um als Doppel antreten zu können. Erfahrung mit Spitzenpositionen in der Partei haben sie beide nicht, aber viel Selbstbewusstsein und eine Mission unter dem Motto: „Wir können nicht einfach so weitermachen.“ Linker soll der Kurs der SPD werden, mit mehr Verteilungsgerechtigkeit, mehr Investitionen, mehr Klimaschutz.

Oft haben Esken und Walter-Borjans die Regierungsverantwortlichen der SPD kritisiert, sie gingen zu viele Kompromisse mit der Union ein. Und jetzt: Machen sie diese selbst. „Aber wir sind der Auffassung, das sind wirklich Kompromisslinien, mit denen wir vor der Öffentlichkeit, vor den Menschen im Land bestehen können“, sagt Walter-Borjans.

Es ist doch sehr zahm, was sie mit dem SPD-Vorstand dem Parteitag vorlegen: Im Leitantrag finden sich keine wirklich harten inhaltlichen Forderungen Richtung Union, keine Empfehlung zur Zukunft der Großen Koalition. Dabei hatte Esken doch angekündigt, sie wolle bereits vor dem Parteitag mit der Union nachverhandeln, sonst wolle sie dem Parteitag empfehlen, aus der GroKo auszusteigen.

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Umfragewerte im Blick

Wie steht es also jetzt um die Glaubwürdigkeit des neuen Duos? Enttäuschen sie ihre Anhänger, bevor sie überhaupt offiziell gewählt sind? Aber vielleicht ging es den Mitgliedern an der Basis gar nicht so sehr darum, einen schnellen Ausstieg aus der GroKo zu bekommen. Vielleicht war ihnen vor allem wichtig, neue Gesichter an der Spitze zu haben und mittelfristig einen linkeren Kurs vorzubereiten.

Esken und Walter-Borjans jedenfalls machen weitere Versprechungen: Im Interview mit der Parteizeitung „Vorwärts“ kündigen sie an, dass sie die Umfragewerte der SPD innerhalb des nächsten Jahres verdoppeln wollen – auf 30 Prozent und vielleicht noch mehr. „Was für ein Anfängerfehler“, schnauben Berliner-Spitzengenossen, „das wird ihnen noch auf die Füße fallen“. Die beiden Neuen – sie üben eben noch.

SPD-Parteitag: Das sind die Neuen – Doppelporträt Esken und Walter-Borjans
Sabine Müller, ARD Berlin
19:28:00 Uhr, 05.12.2019

Zuletzt aktualisiert: 26.10.2020, 13:48:33