Nicht mehr so auf Krawall gebürstet

Gepostet am 15.03.2020 um 04:50 Uhr

100 Tage stehen Esken/Walter-Borjans nun an der SPD-Spitze. Der Start der Überraschungssieger lief recht reibungslos – trotz Zweiflern unter den Spitzengenossen. Aber da waren ja auch noch Thüringen und Corona. Von Sabine Müller.

100 Tage stehen Esken/Walter-Borjans nun an der SPD-Spitze. Der Start der Überraschungssieger lief recht reibungslos – trotz Zweiflern unter den Spitzengenossen. Aber da waren ja auch noch Thüringen und Corona.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans haben in der ersten Zeit als Parteichefs viel gelernt, zum Beispiel, dass es keine 100-Tage-Schonfrist gibt: „Die Schonfrist war nach 100 Sekunden vorbei.“

Und dass Zeitempfinden relativ ist: „Die ersten vier Tage haben sich angefühlt wie vier Wochen, nämlich die zwischen der Bekanntgabe des Ergebnisses und dem Parteitag. Das war wirklich eine sehr, sehr intensive Zeit.“

Erst ruhiger Start, dann wird’s holprig

Denn die Überraschungssieger und die vielen Spitzengenossen, die sie nicht gewählt hatten, müssen schnell eine gemeinsame Linie finden, unter anderem beim weiteren Fahrplan für die Große Koalition. Allen Befürchtungen zum Trotz klappt das erstaunlich reibungslos, die Neuen sind längst nicht mehr so auf Krawall gebürstet wie im innerparteilichen Wahlkampf.

Der Start also ruhiger als gedacht, aber dann wird es holprig, als die Co-Parteichefs so richtig in den Interview-Marathon einsteigen: „Bei dem durchaus das eine oder andere Thema etwas unkoordiniert in der Landschaft stand, gar keine Frage“, sagt Walter-Borjans selbstkritisch. Ständig neue Themen, neue Vorschläge, die zuständigen SPD-Minister überrumpelt – man merkt, die Neuen müssen noch lernen.

Wahldebakel in Thüringen hilft

Die zweiten 50 Tage laufen besser: Weil die CDU nach dem Wahldebakel von Thüringen wankt, wirkt die SPD dagegen ruhig und stabil, sie profiliert sich mit klarer Kante gegen AfD und Rechtsextremismus, die Umfragewerte steigen leicht, dazu der Wahlsieg der Genossen in Hamburg – die hatten die Bundeschefs übrigens komplett aus dem Wahlkampf herausgehalten.

100 Tage Esken/NoWaBo – in der Fraktion sagen sie viel Freundliches in die Mikrophone: „Ich bin ein großer Olaf Scholz-Fan und war mir nicht so ganz sicher, aber es läuft hervorragend“ und „ich bin sehr zufrieden und ich habe das Gefühl, dass sich alles sehr gut zusammengefunden hat“ oder „unsere beiden Parteivorsitzenden sind sehr integrativ“. Nur sehr vereinzelt hört man skeptischere Töne wie „wir gewöhnen uns so langsam aneinander“.

Klingbeil der eigentliche Macher?

Jenseits der Mikrophone aber wird gelästert: Über das „Schweigekartell“, man dürfe ja öffentlich nichts Schlechtes über die Neuen sagen. Generalsekretär Lars Klingbeil sei der eigentliche starke Mann in der Parteizentrale und derjenige, der die wichtigen Botschaften setze. Den Chefs fehle das Format, sie seien führungsschwach.

Walter-Borjans widerspricht: Führungsqualität bemesse sich nicht daran, wie hart man auf den Tisch haut, sagt er: „Wir haben aber an vielen Stellen durchaus zur Überraschung des einen oder anderen Teilnehmers auch mal gesagt, wo Ende des Teamplay ist.“

Esken/NoWaBo – nur eine Zwischenlösung?

Das Teamplay zwischen den beiden Co-Vorsitzenden scheint zu funktionieren, obwohl sie so unterschiedlich sind – oder vielleicht gerade deshalb? Sie, die Forsche, die oft grimmig wirkt – er zurückhaltender, Typ netter Onkel. Im gemeinsamen Büro sitzt sie am Schreibtisch, er am Konferenztisch. Über die beiden heißt es immer wieder, sie seien garantiert nur Übergangsvorsitzende.

Esken klingt allerdings nicht so, als plane sie nur für den Übergang: „Diese Partei hat unglaublich viel Stärke, unheimlich viel Kraft. Sich von der getragen zu fühlen und die mitzutragen, das fühlt sich gut an und das darf auch so weitergehen.“

Corona-Krise überschattet alles

Esken/NoWaBo machen keinen Hehl daraus, dass sie die Große Koalition weiter sehr skeptisch sehen, aber die Option Koalitionsbruch, die sowieso unwahrscheinlich war, ist mit der Corona-Krise komplett vom Tisch. Die Bundestagswahl findet also wohl termingerecht nächsten Herbst statt und wohl ohne dass eine der beiden Parteivorsitzenden Anspruch auf die Kanzlerkandidatur erhebt.

Aber eins macht Walter-Borjans sehr klar: Das Vorschlagsrecht liege bei den Vorsitzenden. Und zwar bei den aktuellen und nicht bei früheren. Das heißt übersetzt: Leute wie Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel, die gerne gute Ratschläge von der Seitenlinie geben, sollen bitte die Klappe halten.

Die designierten Parteichefs der SPD, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, feiern ihren Sieg in der Stichwahl um den Vorsitz mit hochgestreckten Daumen.

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