„Viel sozialdemokratische Energie“

Gepostet am 11.11.2018 um 16:46 Uhr

Nach zwei Tagen Debattencamp ist die SPD euphorisiert: Linker, ökologischer, weiblicher, vielfältiger will sie werden. Nach der Selbstvergewisserung wartet die Aufgabe, die Botschaft unters Volk zu bringen. Von Angela Ulrich.

Nach zwei Tagen Debattencamp ist die SPD euphorisiert: Linker, ökologischer, weiblicher, vielfältiger will sie werden. Nach der Selbstvergewisserung wartet die Aufgabe, die Botschaft unters Volk zu bringen.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Rot und lila leuchten die Scheinwerfer, es ist laut und wuselig im roh gemauerten Fabrikgebäude in Berlin Köpenick. Zu DDR-Zeiten wurde hier, direkt an der Spree, Rundfunk gemacht.

Jetzt sucht die SPD nach sich selbst und nach neuer Kraft. Für Parteivize Ralf Stegner hat das funktioniert: „Das ist ein Energieschub für die innerparteilicher Debatte in der SPD. Hier sind irre viele Leute, große und kleine Formate, es geht um wichtige Themen.“

Frieden, Arbeit, Umwelt, Parteireform, Kindergrundsicherung seien zur Sprache gekommen – „Da ist enorm viel sozialdemokratische Energie zu merken“, sagt Stegner. „Das können wir gut brauchen, das macht auch der Spitze etwas Dampf, das ist auch nötig.“

Enthusiasmus für Zukunftsfragen

Die SPD-Spitze, namentlich Parteichefin Andrea Nahles, sitzt auf einem Podium nach dem anderen beim SPD-Debattencamp. Beim digitalen Kapitalismus wird sie auch nach ganz anderem gefragt: Wie dem außer Rand und Band geratenen US-Präsidenten Einhalt geboten werden könne.

„Donald Trump etwas zu verklickern, ist aus meiner Sicht eine Herkulesaufgabe“, gibt Nahles zu und lacht. Trump kapiere nur eines: Macht.

Spannung fällt dabei von der Vorsitzenden ab. Es sind richtig viele Leute zum Debattencamp gekommen, die SPD wird nicht abgeschrieben.

Und die gebeutelte Chefin nimmt einiges mit, wie sie erklärt, und wirkt erleichtert: „Die Leute haben sich hier mit einem Enthusiasmus eingebracht, sich für Zukunftsfragen begeistert. Ich bin richtig froh, das ist ein Aufbruchssignal und es ist echt ansteckend…“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil  stellt das Arbeitsprogramm zur Erneuerung der Partei für die kommenden zwei Jahre vor.

Debattencamp

Die SPD sucht ihre Zukunft

Mehr als 1000 Teilnehmer diskutieren ab heute in Berlin über ein Thema: Wie muss sich die SPD aufstellen, wie kann die Partei erneuert werden, damit sie wieder attraktiv wird für die Wähler? Von Moritz Rödle. | mehr

„Guter Zeitpunkt, um mitzugestalten“

Rund 60 Foren gab es, kleine Runden, große Podien, auf Papphockern, in roten Sesseln, auf dem Fussboden. Digitales, Klimaschutz, Europapolitik, Sozialstaat, was kommt nach Hartz IV?

Julian und Cornelia sind beide Mitte 20, aus Bonn und Fürth gekommen und ziemlich gut drauf. „Ich finde, man darf auch nicht unterschätzen, wie es das Gemeinschaftsgefühl der Leute pusht, weil man hier unter Gleichgesinnten ist“, sagt Cornelia. „Ich finde diese Bereitschaft und Offenheit, sich den Themen zu stellen, total wichtig.“

Julian ist gerade erst in die SPD eingetreten, „weil ich denke, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um mitzugestalten“, meint er. Den „kleinen Mann und die kleine Frau“ müssten die Genossen dabei im Blick haben, sagt der Bonner Student, der sich um hohe Mieten für Studierende sorgt.

Linker, ökologischer, weiblicher, vielfältiger

Sich nicht selbst verloren geben. Etwas anpacken mit der SPD. Dieser Geist weht durch die Berliner Fabrikhallen an diesem Wochenende. Aber wie nun diese Erwartung auch danach umsetzen?

Cansel Kiziltepe, Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete, hat da so eine Idee: „Die Botschaften, die uns von der Basis mitgegeben wurden, sind: Linker werden, ökologischer werden, weiblicher werden, vielfältiger werden!“

Gerade beim Klimaschutz, sagt Umweltpolitiker Matthias Miersch, könne sich die SPD nicht länger wegducken, sondern müsse an frühere Ziele anknüpfen: „Wir sind doch die Partei des Atomausstiegs von Gerhard Schröder, des Erneuerbare Energien-Gesetzes von Hermann Scheer. Das ist die Herausforderung von Umweltpolitik, dass nicht nur Verzicht gepredigt wird, sondern es mit dem Fortschrittsbegriff verbunden wird.“

Nahles ruft auf ihre eigene Art der Menge Mut zu

Dass gerade Finanzminister Olaf Scholz Umweltministerin Schulze für ihre Idee einer CO2-Abgabe harsch in die Schranken gewiesen hat, stößt hier vielen auf. 

Die SPD hat nicht mehr viel Zeit, sich all diese Botschaften zu Herzen zu nehmen, sagt Juso-Chef Kevin Kühnert: „Hier kommen Leute, die geben sich damit nicht zufrieden. Das überfährt einen manchmal, aber das sind ja die Leute, die wir gewinnen wollen.“

Und da ist auch Nahles mal ganz einer Meinung mit Kühnert, mit dem sie sich sonst eher streitet. Geht raus, erzählt von dieser frohen, unverzagten SPD, ruft sie den Teilnehmern des Debattencamps zum Abschluss zu, auf ihre ganz eigene Nahles-Art:

„Los: Arsch huh, sagt man bei uns im Rheinland, Zäng ussenander! Für die SPD kämpfen, mit viel Spaß dabei! Und das hatte ich an diesem Wochenende, Spaß! Und das soll es sein!“

Mit mehr Kraft gehe sie nach Hause, sagt Nahles. Die Selbstversicherung hat also geklappt. Bleibt noch der schwierige Teil: das auch unters Volk zu bringen. 

„Arsch huu, Zäng uusenander“ – SPD haucht sich bei Debattencamp Mut ein
A. Ulrich, ARD Berlin
15:39:00 Uhr, 11.11.2018

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. November 2018 um 17:10 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2019, 16:45:05