Die SPD – plötzlich “cool”?

Gepostet am 29.01.2017 um 14:33 Uhr

Endlich wieder mit Optimismus in den Wahlkampf ziehen – die SPD-Spitze verbreitet derzeit gute Stimmung. Doch wie sieht es in den Landesverbänden aus? Wie in der alten Bergbau-Stadt Neunkirchen, einer SPD-Hochburg? Moritz Rödle und Marie-Kristin Boese waren vor Ort.

Endlich wieder mit Optimismus in den Wahlkampf ziehen – die SPD-Spitze verbreitet derzeit gute Stimmung. Doch wie sieht es in den Landesverbänden aus? Wie in der alten Bergbau-Stadt Neunkirchen, einer SPD-Hochburg?

Eine Reportage von Moritz Rödle und Marie-Kristin Boese, ARD-Hauptstadtstudio

“Sehen Sie, die ganze Stadt schmiegt sich an die Hütte, alles ist an ihr ausgerichtet.” Jörg Aumann, der Bürgermeister der Kreisstadt Neunkirchen steht auf dem Dach des Rathauses, blickt über die Häuser und erzählt von der Zeit als hier mitten in der Stadt der Stahl gekocht wurde. “Anfang des Jahrhunderts hat fast jeder Einwohner von Neunkirchen in irgendeiner Form von der Hütte gelebt”, erzählt der SPD-Politiker mit ein bisschen Stolz in der Stimme.

Optimismus in Saarbrücken

Diese Tradition wirkt auch heute noch nach, lange nachdem der Hochofen erloschen ist. Die Stadt ist im Saarland so etwas wie das sozialdemokratische Herz. Seit Jahrzehnten regiert hier die SPD. Immer noch sind Wahlergebnisse über 40 Prozent eher die Regel als die Ausnahme. Doch auch in dieser Hochburg hat die Partei schon bessere Zeiten erlebt. Im Saarland wird Ende März ein neuer Landtag gewählt. Bisher plätscherte der Wahlkampf so dahin. Nur Optimisten in der SPD glaubten daran, der ungeliebten Großen Koalition in Saarbrücken entfliehen zu können. Das hat sich nun geändert.

Eine kräftige Portion Selbstvertrauen

Auf dem alten Hüttengelände ist eine Veranstaltungshalle entstanden. Der große Saal ist in gelb-schwarz geschmückt. Hier feiert an diesem Wochenende der saarländische ADAC. In einem kleinen Nebensaal treffen sich Genossen aus dem Kreis. Das Thema der kurzfristig einberufenen Sitzung: die neue Ausgangslage im Wahlkampf. Die Ereignisse vom vergangenen Dienstag haben das Selbstvertrauen der Neunkircher Sozialdemokraten in ungeahnte Höhen katapultiert. Einer der Sitzungsteilnehmer ist der Ortsvereinsvorsitzende Winfried Kramer.

Noch vor einer Woche habe in der SPD eine Art Verliererstimmung geherrscht, man habe gar nicht gewusst, warum man überhaupt zur Wahl gehen solle, berichtet er. Doch das habe sich mit Martin Schulz geändert. Dieser sei so etwas wie ein Hoffnungsträger. Nun habe man realistische Chancen nach der Bundestagswahl wieder den Kanzler zu stellen. In welcher Konstellation auch immer.

Bleibt der “Schulz-Effekt” auch auch Dauer?

Den Kanzler stellen? Das geben die Umfragen noch nicht her. Doch auch sie spiegeln die Euphorie an der SPD-Basis. Beim ersten ARD-Deutschlandtrend nach Verkündung des Personalwechsels hat die Partei direkt drei Prozentpunkte gewonnen. Wahlforscher sprechen bereits vom “Schulz-Effekt”. Doch ist der von Dauer? Zweifel bleiben.

In NRW bleibt die Euphorie aus

Auch in Nordrhein-Westfalen wird in diesem Frühjahr ein neuer Landtag gewählt. Die SPD kämpft hier in ihrem Stammland darum, weiter die Landesregierung führen zu können. Doch in Bottrop mitten im Ruhrgebiet merkt man von einer Schulz-Euphorie nicht besonders viel. Die Arbeiterwohlfahrt bietet einen Mittagstisch an, Arbeiter und kleine bis mittlere Angestellte in Rente kommen. Eigentlich klassische SPD-Klientel. Doch begeistert vom neuen Spitzenkandidaten ist kaum einer. Stattdessen sitzt der Frust über “die da oben” tief. Viele sind entfremdet von der SPD, immer noch wegen der Arbeitsmarktreform “Agenda 2010”. Da bringe auch ein neuer Spitzenkandidat nicht viel.

Plötzlich “cool”?

Bei der SPD in Schleswig-Holstein dagegen ist die Euphorie mit Händen greifbar. Nordische Zurückhaltung ist beim Landesparteitag in Lübeck nicht zu spüren. Ausgelassen fotografieren sich Genossen vor überdimensionierten SPD-Schriftzügen. Man identifiziert sich wieder mit der Partei, besonders seit Dienstag. SPD ist plötzlich “cool” – wer hätte das gedacht von der Partei, die vorher verzagt wirkte und gelähmt, festbetoniert bei 20 Prozent im Bund.

Neueintritte in Schleswig-Holstein…

Nun verkündet der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ralf Stegner stolz 40 Neueintritte in die Landes-SPD seit Dienstag und ist sich sicher, dass ein Ruck durch die Partei gehe. “Viele hatten Sorge, dass wir in der demoskopischen Depression verharren”, sagt Stegner. Jetzt rumore es im Kanzleramt. “Man sieht an der Reaktion der Konkurrenz, dass die vielleicht doch nicht so sicher sind, ob sie das nach Hause holen.”

Der Machtwille von Martin Schulz steckt an: Ministerpräsident Torsten Albig fährt ein Top-Ergebnis ein: 98,4 Prozent wählen ihn auf Listenplatz eins. Die Liste zur Landtagswahl geht glatt durch. Die Partei zeigt sich in Lübeck geschlossen und kämpferisch.

…und Bock auf Wahlkampf

“Bock auf Wahlkampf” habe er jetzt, sagt Schleswig-Holsteins Juso-Chef Niclas Dürbrook. Ja, gibt er zu, er hatte auf Schulz als Kandidat gehofft. Mit ihm, sagt er, habe die SPD eine reale Machtperspektive. “Schulz kann Kanzler werden“, sagt Dürbrook und strahlt. Plakate kleben, auf Marktplätzen für die SPD werben – das gehe mit einem Kandidaten Schulz viel leichter.

“Wahlkampf macht immer mehr Spaß, wenn draußen die Rückmeldung kommt, dass die Leute den Kandidaten mögen.” Die SPD jedenfalls scheint Schulz geradezu frenetisch zu lieben. Er sei der “richtige Kandidat zur richtigen Zeit”, hört man bei den Genossen in Lübeck. Weil Schulz “für Europa stehe” und “gegen Rechtspopulismus“, weil er “was Frisches” sei, ein “beherzter Kämpfer” und “Klartext rede”, weil Sigmar Gabriel zwar viele gute Ideen hatte, aber es “einfach nicht rübergekommen” sei.

Das Undenkbare ist möglich

Doch als ehemaliger EU-Parlamentspräsident steht er auch für das EU-Establishment. Doch selbst diesen möglichen Nachteil von Schulz deuten sie hier als Vorteil: “Wir sind ja für Europa und für die Chancen, die Europa auch Deutschland gibt. Insofern sind wir eine klare Alternative sind zum antieuropäischen Kurs, den die AfD fährt”, sagt die stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, Delara Burkhardt. Wer dieser Tage Genossen trifft, erlebt eine erleichterte Partei, die zwar weiß: Der Weg bis ins Kanzleramt ist noch verdammt weit. Doch das nahezu Undenkbare, sagen sie in Lübeck, scheint plötzlich möglich zu sein.

Mehr zum Thema heute Abend um 18.30 Uhr im Bericht aus Berlin im Ersten.

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2017, 18:55:14