Hoffen auf Merkels Nüchternheit

Gepostet am 28.07.2016 um 03:45 Uhr

Demonstrativ nüchtern, penetrant emotionsarm: Wenig schmeichelhaft wurde Kanzlerin Merkel oft beschrieben. Dafür sollte man jetzt dankbar sein, meint Daniel Pokraka. Denn nach den Attentaten von Würzburg und Ansbach sei Sachlichkeit vonnöten.

Demonstrativ nüchtern, penetrant emotionsarm: Wenig schmeichelhaft wurde Kanzlerin Merkel oft beschrieben. Doch genau für diese Eigenschaften sollte man jetzt dankbar sein. Denn nach den Attentaten von Würzburg und Ansbach sei Sachlichkeit vonnöten.

Ein Kommentar von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Was haben wir uns jahrelang über diese Kanzlerin aufgeregt! Über diese Verwalterin der Macht – ohne Visionen, ohne Überzeugungen. Über diese Kanzlerin, die von „marktkonformer Demokratie“ sprach und Dinge, die sie nicht ändern wollte, als alternativlos bezeichnete. Für einiges davon sollte man jetzt dankbar sein, nach den Bluttaten der vergangenen Tage: für Angela Merkels demonstrative Nüchternheit, für ihre fast penetrante Emotionsarmut, für ihre Fähigkeit, Grenzen der eigenen Gestaltungsmacht zu erkennen.

Verbunden mit der Hoffnung, dass die Kanzlerin auch morgen so auftritt: Unaufgeregt, sachlich, nüchtern. Denn so schlimm die Bluttaten von Würzburg und Ansbach waren, und so wahrscheinlich sie einen islamistischen Hintergrund hatten: Sie gehen – nach allem, was man weiß – auf das Konto von Einzeltätern. Die eine Tat hatte mit der anderen wahrscheinlich nichts zu tun – und mit dem Amoklauf von München schon gar nicht.

Ein Topf voll scheinbarer Lösungen

Trotzdem wird jetzt alles in einen Topf geworfen, umgerührt, und mit einer Soße scheinbarer Lösungen übergossen: Die Bundeswehr im Inland einsetzen, Flüchtlinge von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz überprüfen lassen, Flüchtlinge auch in Krisengebiete abschieben.

Hinter diesem schrillen Geschrei steht folgender Glaube: Die Bevölkerung verlange nach den Ereignissen der vergangenen Tage klare Schuldzuweisungen, die Bevölkerung wolle möglichst viele Vorschläge hören, was zu tun ist, es müsse umgehend gehandelt werden, und ob das alles sinnvoll ist, sei der Bevölkerung egal. Man möchte sich lieber nicht vorstellen, was manche gefordert hätten, wenn der Amoklauf von München das Werk von Islamisten gewesen wäre.

Wahre Stärke zeigen

Sicher: Der eine oder andere hört in diesen Zeiten gern markige Worte. Aber fühlen wir uns dadurch wirklich sicherer? Sind markige Worte ein Zeichen von Stärke? Oder ist es ein Zeichen von Stärke, wenn man sich nicht einschüchtern lässt? Wenn man seine Flüchtlingspolitik wegen zweier Einzeltäter nicht ändert? Wenn man versucht, Bedrohungen zu erkennen und zu bekämpfen – und eingesteht, dass es hundertprozentige Sicherheit nun mal nicht gibt.

Das haben die Kanzlerin und ihr Innenminister übrigens immer wieder getan – mit dem Hinweis, dass die deutschen Sicherheitsbehörden alles täten, um Anschläge in Deutschland zu verhindern. Allerdings sollte Angela Merkel auch klarstellen: Der Kampf gegen Terroristen findet nicht in erster Linie hier statt. Entscheidend ist es, den IS dort zu bekämpfen, wo er wütet – und wo er seine Hassbotschaften verbreitet: im Nahen Osten – und im Internet.

Kommentar: Vor der Sommer-Pressekonferenz der Kanzlerin
Daniel Pokraka, ARD Berlin
18:02:00 Uhr, 27.07.2016

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2019, 17:46:15