Seehofers Abgesang auf sich selbst

Gepostet am 16.10.2018 um 16:22 Uhr

Das schlechte CSU-Wahlergebnis hat Horst Seehofer offensichtlich zur Einsicht verholfen. Er zeigt sich ungeahnt selbstkritisch und wirkt, als lasse er vom Amt des Parteichefs los. Ein Kommentar von Julia Barth.

Das Volk als Korrektiv

Von Horst Seehofer stammt die Aussage, dass die CSU keinen Koalitionspartner brauche, um eigene Positionen und Regierungsentscheidungen zu hinterfragen, weil die Partei schließlich eine Koalition mit dem Bürger habe.

Das mag man überheblich und selbstgefällig finden. Aber das Volk als Korrektiv hat in der CSU lange gut funktioniert. Und Horst Seehofer hat diese Koalition perfektioniert. Hat lange und immer wieder ein Gespür dafür bewiesen, was die Menschen umtreibt, was Politik für sie tun muss.

Zuletzt ist ihm genau dieses Gespür abhanden gekommen – und zwar deutlich. Er selber wollte das lange nicht sehen. Hat sich verkämpft und abgestrampelt, vor allem in der Flüchtlingspolitik, mit Tunnelblick gepoltert und sich damit immer weiter von vielen Menschen entfernt, für die er Politik machen und Sprachrohr sein will.

Das CSU-Ergebnis am Sonntag war auch dafür die Quittung. Und hat dem CSU-Parteichef offensichtlich zur Einsicht verholfen. Wer Horst Seehofer heute bei seiner Pressekonferenz zugehört hat, hat nur oberflächlich einen klassischen Seehofer erlebt. Selten hat man den CSU-Chef so selbstkritisch gesehen.

Horst Seehofer gesteht eigene Fehler ein

Dass Horst Seehofer eingesteht, sich im unionsinternen Streit im Ton vergriffen zu haben – auch wenn er es etwas umständlicher formuliert – kann man schon fast als eine Sensation bezeichnen. Dass er selber zugibt, wir sind nicht mehr dran an der Bevölkerung, ist in dieser Deutlichkeit erstaunlich.

Er benennt klar die Themen, die die CSU vernachlässigt hat, gibt unumwunden zu, dass seine Partei die Vielfalt der Gesellschaft vor allem in den Städten unterschätzt hat. All das hat Horst Seehofer weder zerknirscht noch beleidigt vorgetragen, sondern aufgeräumt und fast schon befreit.

Die Reißleine gerade noch rechtzeitig ziehen

Und auch wenn er sich auf Fragen zu seiner persönlichen Zukunft nichts entlocken ließ. So wirkt es doch ziemlich deutlich so, dass dieser Mann vom Amt des CSU-Parteichefs gerade losgelassen hat. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass ihm das früher gelingt. Bevor seine eigene Partei zur Revolution gegen ihn ansetzt. Aber er würde die Reißleine jetzt gerade noch rechtzeitig ziehen, um selber die Deutungshoheit über seinen Abgang zu behalten.

Die Entscheidung über personelle Konsequenzen zurückzustellen, bis der Koalitionsvertrag in Bayern unterschrieben und Markus Söder als Ministerpräsident wieder gewählt ist, ist aus CSU-Sicht nur klug und richtig. Denn eine personelle Neuordnung, zumal an der Spitze der Partei, würde die Verhandlungen nur behindern. Verhandlungen an denen er als Parteichef nicht einmal teilnehmen wird. Auch das kann man als Zeichen interpretieren. Ein Zeichen, das vielen bayerischen Wählern gefallen dürfte. Denn eine Mehrheit von ihnen macht Horst Seehofer für das schlechte Abschneiden seiner Partei verantwortlich und ist seiner sichtlich überdrüssig.

Wenn Seehofer seinen Chefsessel tatsächlich räumt, dann hat sie am Ende doch nochmal gut funktioniert – die Koalition zwischen ihm und dem Bürger.

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2018, 07:37:22