Schulz entstaubt den Ladenhüter

Gepostet am 24.02.2017 um 17:00 Uhr

Martin Schulz ist gerade überall vorn: auf den Titelseiten der Magazine und in den Umfragewerten. Er hat seine SPD quasi wachgeküsst – und ist dabei, ihr Profil als Alternative zur Union zu schärfen, meint Angela Ulrich.

Martin Schulz ist gerade überall vorn: auf den Titelseiten der Magazine und in den Umfragewerten. Er hat seine SPD quasi wachgeküsst – und ist dabei, ihr Profil als Alternative zur Union zu schärfen.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Die Bild- und Schlagzeilensprache ist eindeutig. Der Retter naht! Mit Pfeil und Bogen zielt ein grün-bewamster Schulz als Robin Hood in das Herz der Wähler – auf dem Handelsblatt. Als SANKT Martin strahlt er vom “Spiegel”-Titel. Auf dem “Stern”schwenkt Eroberer Schulz die Rote Fahne, dahinter verschwindet eine graue Kanzlerin Merkel fast.

Das SPD-Parteiblatt “Vorwärts” lässt Schulz entrückt gen Himmel blicken. Klar schwingt da – mindestens beim “Handelsblatt” – Ironie mit. Aber vor allem Hochachtung: Vorsicht – da passiert gerade was in Deutschland. Da kommt eine Partei aus dem Quark, die noch vor kurzem als vermuffter Ladenhüter galt.

Wechselstimmung von der Union hin zur SPD

Da machen Umfrageinstitute erstmals seit vielen vielen Jahren sogar eine beginnende Wechselstimmung aus: Schluss mit der ewigen Vormacht der Union, hin zu Alternativen – und die bitte unter Führung der SPD! Im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, können sie ihr Glück kaum fassen. Auch dort regiert ein neuer Ton: schnelle Rückrufe, zuverlässige Interview-Zusagen, richtiggehender Frohsinn statt Mattheit und Bräsigkeit.

Nun stand Schulz bisher nicht gerade für einen Linkskurs innerhalb der SPD. Aber der Mann, der sich als Neuling in der Bundespolitik inszeniert und doch so viel Erfahrung in die Waagschale werfen kann, weiß: Es geht nur über einen Richtungsentscheid. Die Roten nicht als Wurmfortsatz von Schwarzen, die selbst die Mitte besetzen. Sondern ein Strategiewechsel nach links.

Seine Biografie steht für Dialog mit kleinen Leuten

Und den kann Schulz eben doch dadurch verkörpern, dass er brennt für soziale Gerechtigkeit. Dass seine Biografie für den Dialog mit den kleinen Leuten steht. Dass es nicht hohl klingt, wenn er an der Agenda 2010 rüttelt.

Das lässt die von Sigmar Gabriel bis dato gepflegte Wirtschaft zwar aufjaulen. Und das klappt auch nur, wenn sich die Union ihrerseits klarer zu ihrem konservativen Profil bekennt: Sicherheit, Ordnung, Geld zusammenhalten. Aber Schulz ermöglicht so eine klare Auswahl, statt zweier zum Verwechseln ähnlicher Volksparteien. Das, was viele Bürger wollen: klare Alternativen.

Auch AfD “leidet” unter Schulz

Statt der selbsternannten “Alternative für Deutschland” übrigens. Denn auch, wenn es für einen Abgesang auf die Rechtspopulisten viel zu früh ist: Die AfD leidet auch unter dem Aufschwung der SPD. Denn wenn nun die Genossen als coole Protest- statt als langweilige Regierungspartei wahrgenommen werden, könnten sich Genervte mit ihnen statt mit dem rechten Rand einlassen. Dann könnte der Robin-Hood-Pfeil des Martin Schulz ins Schwarze treffen.

Kommentar: Die SPD bekommt Flügel
Angela Ulrich, ARD Berlin
16:26:00 Uhr, 24.02.2017

Zuletzt aktualisiert: 13.12.2017, 10:03:08